Studentin Sandra* berichtet im Gespräch mit blickfeld von ihrer Praxissemester-Erfahrung

Ein Dauerthema in der Studierendenschaft: Das Praxissemester © xx

Sandra* kommt aus Köln, ist angehende Grundschullehrerin und hat kürzlich das Praxissemester beendet. An Unterrichtspraxis hat es ihr nie gefehlt, da sie zuvor als Vertretungslehrerin in Teilzeit im Kölner Raum gearbeitet hat. Für das unbezahlte Praxissemester musste sie ihre bezahlte Lehrerstelle aufgeben und konnte das Praxissemester auch nicht an der gleichen Schule absolvieren. Das sind nur zwei von vielen Kritikpunkten, die die Lehramtsstudentin gegenüber blickfeld im Interview schilderte.

Wer aus Dortmund, Köln oder Leverkusen kommt und den Master of Education an der Bergischen Universität studiert, kann das Praxissemester nicht in der Heimat machen. Die Ausbildungsregion der Bergischen Universität endet östlich kurz hinter Wuppertal und zieht sich über die Bereiche Düsseldorf, Neuss und Mönchengladbach. Keine optimale Lage, wie auch Sandra bestätigt: „Ich konnte für das Praxissemester nicht an meiner Kölner Schule bleiben, weil sie außerhalb der Ausbildungsregion unserer Uni lag. Um alle Termine an der Universität, am ZfsL und in der Schule wahrnehmen zu können, musste ich mir zudem ein Auto anschaffen. Per Bus und Bahn wäre das nicht drin gewesen. Für das Auto und meinen Lebensunterhalt habe ich meine Ersparnisse aufgebraucht, die ich eigentlich zur Bafög-Rückzahlung nutzen wollte.“ Immerhin lagen die Schule und das Zentrum für schulpraktische Bildung (ZfsL) im Rhein-Kreis Neuss nah beieinander – keine Selbstverständlichkeit, wie andere Studierende gegenüber blickfeld berichteten. Nichtsdestotrotz musste sie zwischen Köln, Wuppertal und Neuss reisen, was viel Zeit in Anspruch nahm – gerade angesichts der staugeplagten A46. „An manchen Tagen war ich mehrere Stunden mit dem Auto unterwegs, da bleibt kaum Zeit – egal ob Unterrichtsvorbereitungen, Arbeit oder Freunde“, zeigt Sandra* die Belastung auf.

Bezahlten Lehrerjob für unbezahltes Praxissemester aufgegeben

Pleite durch das Praxissemester? © mw

Es klingt paradox: Eine Studentin gibt ihren bezahlten Lehrerjob auf, um ein unbezahltes Lehrer-Praktikum im gleichen Bereich zu machen. So sei es bei Sandra* gewesen, die von ihren Ersparnissen leben musste. Ließe sich der Lehrerjob auf das Praxissemester nicht anrechnen? Nein, sagt das zuständige Schulministerium. „Vertretungsunterricht – gleich welchen zeitlichen Umfangs – ist keine hinreichende Bedingung für den damit angestrebten Kompetenzerwerb“, den das Praxissemester „im Rahmen einer systematischen Vorbereitung, Begleitung und Nachbereitung“ vermitteln soll. Drei Akteure, nämlich Hochschulen, Schulen und Zentren für schulpraktische Lehrerbildung „erbringen hier spezifische, auf das studierte Lehramt und die Fächer ausgerichtete Ausbildungsanteile.“ Zudem verlange die „bundesweite Anerkennung von Lehramts-Abschlüssen (…) qualifizierte Praxisphasen“, so das Ministerium, „dies können Erfahrungen im Rahmen von Vertretungstätigkeit nicht leisten.“

Im Praxissemester soll kein bedarfsdeckender Unterricht erteilt werden

Um die vorherigen Ziele des Praxissemesters auch erreichen zu können, erteilten „die Studierenden (…) auch bewusst keinen eigenen bedarfsdeckenden Unterricht; sie sind Leistungsempfänger im Rahmen ihres Studiums.“ Das ist zugleich die Begründung des Ministeriums, warum das Praxissemester nicht bezahlt wird.
Tatsächlich stehen in dieser Phase eigentlich jede Menge andere Aufgaben auf der Agenda, für die es am Ende 25 Leistungspunkte, davon 13 für das Praxissemester an sich, gibt: Beobachtungsaufträge, Forschungsfragen, Sammelmappen, Portfolios über Methoden und Erfahrungen – da muss viel mitgeschrieben werden. „Im Praxissemester wechselt man in eine hauptsächlich beobachtende Rolle“, fasst Sandra zusammen. Ihre vielen Notizen im Unterricht sorgten dabei offenbar für Irritationen: „Die Schulverantwortlichen waren nicht ganz im Bilde, was meine Aufgaben während des Praxissemesters sind und waren sehr irritiert darüber, dass ich so viel mitgeschrieben habe. Dabei gehörten das Beobachten und Notieren zu meinen Hauptaufgaben“, fasst die Master of Education-Studentin zusammen. Von einer Lehrerin, bei der Sandra hauptsächlich hospitierte, habe sie sich ihre Notizen freigeben lassen müssen. Auch die Schulleitung sei skeptisch gewesen: „Ich habe mit ausgedruckten Uni-Unterlagen und -Präsentationen nachweisen müssen, dass ich tatsächlich einen Forschungsauftrag habe.“

Im Praxissemester als Aushilfe und Vertretungslehrerin eingesetzt

Laut Sandra sei die allgemeine Sichtweise der Schule gewesen, dass Studierende im Praxissemester in erster Linie die LehrerInnen im Unterricht aktiv unterstützen sollten. „Von mir wurde erwartet, dass ich beispielsweise bei Gruppenarbeiten herum gehe und die Schülerinnen und Schüler unterstütze oder mich um die Technik im Klassenraum kümmere.“ Das habe ihr auch Spaß gemacht, ist aber nicht ihre Aufgabe – ebenso wenig wie regulärer Vertretungsunterricht oder die Pausenaufsicht, für die Sandra auch eingesetzt wurde. „Für mich kein Problem, da ich darin schon genügend Erfahrung habe“, so Sandra* – von den Schulverantwortlichen wurde sie jedoch ermahnt, diesen eigenverantwortlichen Unterricht gegenüber der Universität unerwähnt zu lassen. Laut dem zuständigen Ministerium sei dies auch nicht vorgesehen.

Uni, ZfsL und Schule – zeitlich nicht miteinander vereinbar?

Zu diesen ganzen „Extras“ kommen noch jede Menge Pflichtaufgaben hinzu: „Das Praxissemester umfasst in der Theorie 250 Stunden in der Schule, wovon 70 Stunden unter Lehreraufsicht unterrichtet werden sollen. Damit verbunden sind ganze Unterrichtsreihen und Arbeitsphasen. Der Vorbereitungsaufwand kommt hier noch hinzu. ZfsL und Uni-Leistungen sind dabei noch nicht eingerechnet. Für das ganze Praxissemester – inklusive Vor- und Nachbereitung – gibt es dann 25 Leistungspunkte. Fünf weitere Punkte, was etwa zwei Uni-Kursen entspricht, sind dann noch am Studientag zu erbringen, dem einzigen Tag in der Woche, an denen man Veranstaltungen besuchen kann“, fasst Sandra zusammen.
Zeitlich passe das alles vorne und hinten nicht: „Egal ob ZfsL, Universität oder Schule – alle Institutionen sehen in erster Linie nur sich selbst und nicht die Anforderungen und Aufgaben der anderen Einrichtungen, die ebenfalls viel Zeit kosten“, so Sandra*. An ihrer Schule sei das gar so weit gegangen, dass die Schulleitung sie aufforderte, die Stunden, die sie vor Ort in ihr Forschungsprojekt investierte, nachzuholen. „Es wurde nur gefordert, doch Wertschätzung kam ausschließlich von den Kindern“, so Sandra*.

Viele Kritikpunkte am Praxissemester – aber auch positive Aspekte

Trotz allem sieht Sandra das Praxissemester als lohnend an. „Es gibt einen Einblick in den Schulalltag und auch mir haben sich einige neue Perspektiven eröffnet, beispielsweise was den Umgang mit Störungen im Unterricht angeht und wie unterschiedlich die jeweilige Lehrkraft und ich als Beobachterin diese wahrgenommen haben. Hier habe ich auch meinen eigenen Umgang mit Störungen reflektieren können.“ Gleichzeitig sieht sie aber auch einigen Verbesserungsbedarf. So fehle es an Flexibilität: „Gerade bei ZfsL-Veranstaltungen gibt es keine Möglichkeiten, Krankheitstage oder Ähnliches nachzuholen bzw. mit anderen Leistungen auszugleichen.“ Dabei werde dort laut Sandra kaum etwas Neues vermittelt: „Egal ob die ‚Zehn Merkmale guten Unterrichts’ oder diverse Studien – was im ZfsL behandelt wird, wurde bereits in diversen Uni-Seminaren ausgiebig durchgenommen. Hier ist für mich kein Mehrwert erkennbar.“ Ferner müsste die Organisation optimiert werden: „Die starren Grenzen der Ausbildungsregion müssen aufgehoben werden, damit mehr Studierende wohnortnah eine Schule finden können. Zudem muss das Praxissemester entweder entlohnt oder soweit flexibilisiert werden, dass ein Nebenjob möglich ist. Ferner müssen sich Schule, Uni und ZfsL besser miteinander abstimmen, gerade im Hinblick auf die jeweiligen Aufgaben und Anforderungen, da sonst für viele die Lehrerausbildung nach vier Jahren mit einer Frustnummer im Praxissemester endet“, prognostiziert Sandra. Ihrem eigenen Berufswunsch „Lehrerin“ hat das Praxissemester keinen Abbruch getan, auch wegen den vielen positiven Momenten in diesem, aber gerade wegen der guten Erfahrungen im vorherigen Lehrerjob.
»mw & mab«

*Name von der Redaktion geändert

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