~[ungefähr gleich] begeisterte das Publikum © Sebastian Hoppe

Mit hochgradiger Aktualität, Humor und einer grandiosen Inszenierung bewegte das Stück ~[ungefähr gleich] – ursprünglich vom tunesisch-schwedischen Autor Jonas Hassen Khemiri – das Publikum am vergangenen Samstagabend bei den Wuppertaler Bühnen.

„Er möchte verwirren“

Schon anders als andere Theateraufführungen begann das vom Schweizer Elias Perrig inszenierte Stück in Wuppertal. Als die Dramaturgin Dr. Cordula Fink-Schürmann im Vorraum des Theaters am Engelsgarten plötzlich ihre Stimme erhob und in einem kurzen, aber aussagekräftigen Diskurs den Sinn der Vorstellung erklärte, waren alle Augen auf sie gerichtet. „Khemiri möchte verwirren“, so Fink-Schürmann. In seinen Werken, die mittlerweile weltbekannt sind und die neben Wuppertal auch in New York, London und Paris aufgeführt werden, steht immer wieder das Individuum im Vordergrund – gefangen in den Strukturen der Gesellschaft.

Erschreckende Statistiken rütteln wach

Sie kämpfen mit nicht erfüllten Träumen, zwischenmenschlichen Problemen und Armut
© Sebastian Hoppe

So werden fünf Geschichten erzählt, fünf Individuen präsentiert und alle haben mit ihren nicht erfüllten Träumen, zwischenmenschlichen Problemen und Armut zu kämpfen – und das trotz guter Bildung.
Umso entsetzlicher ist es, dass dies keine Ausnahmen sind, keine Fiktion darstellt, kein bloßes Theaterstück ist, dass einzig zur Unterhaltung der Zuschauer dienen soll. Vielmehr sei es ein Warnruf, ein Appell an alle, die da draußen sitzen.
„Steht auf, geht in die Welt und verändert sie!“, wendet sich die Figur Manni, alias Alexander Peiler an das Publikum. „Was bedeutet Armut wirklich?“, fragt er an einer anderen Stelle und zeigt deutlicher als jede Statistik, wie nah wir auch in Wuppertal der Armut sind. 1/3 aller Kinder dieser Stadt gehen ohne Frühstück in die Schule, erklärt er. Und spätestens seit dem Börsencrash von 2008 ist auch Arbeitslosigkeit unter Akademikern kein Fremdwort mehr. Denn: Es geht uns alle etwas an.

Unvorstellbare Zahlen bekommen ein Gesicht

Oft hört man von milliardenfachen Schulden und unzähligen unvorstellbaren Zahlen in den Medien. Eine Billionen – wer weiß schon aus dem FF, wie viele Nullen das sind? Elias Perrig inszeniert sogar die Hochzeit in Zahlen und zeigt auf diese Weise überaus anschaulich, wie sehr die Menschheit dem Wirtschaftssystem selbst im Privatleben verfallen ist.
Unterstützt durch die Darbietung von Michael Jackson‘s Earth Song, der eine Gänsehaut kaum vermeiden ließ, und dem genialen Verwischen zwischen Erzählinstanz und Schauspiel im Hintergrund wurde der Theaterabend zu einem Erlebnis der Extraklasse.

Zwischen Humor und Ernsthaftigkeit

Eine Inszenierung, die zum Nachdenken anregen soll © Sebastian Hoppe

Dass die Inszenierung zum Nachdenken anregen soll, war spätestens nach den ersten zehn Minuten jedem klar. Auf Lacher wurde dennoch keineswegs verzichtet.
Und auch wenn es bei manch einem womöglich ein bedrückendes Gefühl hinterlassen haben mag, ist vielleicht gerade das Nachhallen einer nicht perfekten Welt das, was das Stück so aktuell und real werden lässt. Denn: Es geht uns alle etwas an.
So hat das Ensemble der Wuppertaler Bühnen mit herausragender Schauspielkunst, aussagekräftiger Inszenierung und passend eingespielten Pointen genau den Puls der Zeit getroffen.

Weitere Vorstellungen finden noch bis Ende März im Theater am Engelsgarten statt.
Karten können ab sofort über die Kultur-Karte oder für Studierende der Bergischen Universität Wuppertal über die Bühnenflatrate unter +49 (0)202 563 7666 gebucht werden. »lyh«

Informationen zum Stück oder den Wuppertal Bühnen findet man unter: www.wuppertaler-buehnen.de

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