Delhi Daily #3

Ventilatoren rotieren und durch die geöffnete Balkontür dringen die Laute der Straße herein. Zu fünft sitzen wir in der Wohnung unserer deutschen Teamkollegen auf Matratzen, die im „Living Room“ auf dem Boden liegen. In der Mitte steht ein Teller mit Keksen. Der Himmel leuchtet in einem staubigen Grau, das nur wenig von seinem eigentlichen Blau durchscheinen lässt. Die Fassaden der Häuser leuchten grell und es blendet mich. Doch ich schweife ab…die anderen diskutieren noch. Das Kolloquium klingt langsam ab und die Gesichter werden länger. Jeder ist durstig und müde, alle sind ein wenig angespannt. Die Stimmen werden lauter, sonorer, die Anspannung wächst. Die indische Lebensart und das hiesige System sind wieder einmal Thema. Es ist schwer, die Kluft zwischen den Kulturen zu überbrücken und in Hitze und Staub die eigene Motivation aufrecht zu erhalten.

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Draußen fährt ein Mann auf einem Fahrrad mit einer Anhängerkonstruktion und ruft nach Altpapier und Plastikflaschen. Sein immer gleiches monotones Rufen gliedert sich ein in Hupen und Bellen.

Die Gedanken kreisen, trachten nach der Heimat und wünschen Kühle und Ruhe. Es ist ein Ringen mit sich selbst und der Welt, so bunt, so anders, so geheimnisvoll sie auch sei, es ist auch eine Anstrengung. Es ist ein nicht gemachter Frieden mit sich selbst und der hiesigen Welt. Und genau in diesem Moment fällt eine Klappe – ich nenne sie die ‚Delhi-Depression‘.

Leidest Du an (Delhi-)Depression?
JA? Dann lies hier weiter:

Es ist die Rechnung, in der mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit die menschliche Existenz derer, die Nichts haben, auf Arbeit zu Mindestlöhnen herab gekürzt wird, eine Gleichung, die ohne den Faktor der Menschlichkeit, der Freiheit, der Humanität aufgestellt wird…

Blick auf den Balkon © bf

Es ist der Alltag, der Dich hier und an jedwedem anderen Ort zermürben kann, wenn Du es zulässt. Ob im Wirrwarr der Stimmen, Gerüche und Kulturen oder im vertrauteren Ambiente: Unrecht und Unwohlsein werden Dir überall begegnen.

DU MÖCHTEST DURCHATMEN? Dann lies hier: Dein Problem wird sich nicht lösen. Nicht durch Lamentieren und nicht dadurch, dass Du den 20l-Kanister mit dem Wasser selbst Heim schleppen willst. Es wird Dich prägen. Alles, was Du siehst, fühlst und denkst, wird Dich prägen. Du kannst der Putzfrau, die für einen Lohn von nicht einmal 2,50 Euro im Monat jeden Tag Deine Wohnung putzt, stets mit einem Lächeln und besser noch einem Obstkorb begegnen (sie schätzt Bananen). Du kannst Dich freuen, die Dinge um Dich herum in Zukunft besser wertschätzen zu können. Kannst Dich fragen, was man gegen Armut tun kann und wie man in Zukunft neue Medien und gandhistische Prinzipien einen und etwas bewegen kann. Kannst bei Dir selbst anfangen. Mit gespendeten Bananen, mit Herzlichkeit und weiteren Spenden. Mit dem Gedanken an all jene, die wirklich leiden. Und dann schwindet sie, die (Delhi)Depression. Versprochen.»bf«

Gastautorin: Birte Fritsch – »bf«

Foto: Birte Fritsch

Birte Fritsch studiert derzeit Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität. In den letzten Jahren war sie unter anderem Mitglied des Studierendenparlamentes, des Fachschaftsrats des Fachbereichs A, der FSRK und des AStA (als Referentin für Kultur und Shop).


Du bist demnächst auch im Ausland oder warst dort und möchtest gerne (rückblickend oder regelmäßig) darüber berichten? Dann kontaktiere einfach den zuständigen Ansprechpartner in der blickfeld-Redaktion, Martin Wosnitza: mw (at) blickfeld-wuppertal. Weitere Informationen hier …

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