Ein ehrlicher Auslandsbericht

blickfeld-Redakteurin Lilly hat zum Ende ihres Bachelors ihren Auslandsaufenthalt für ihr Französischstudium in Straßburg absolviert. Ihre Eindrücke und Gedanken teilt sie mit uns, nicht zuletzt, um ehrlich mit sich selbst und dem Abenteuer Auslandssemester zu sein.

Freizeitstress in einer Fremdsprache

Ich stehe vor meiner Wand und starre den Kalender, den ich vor drei Monaten noch bei Thalia in Wuppertal gekauft habe, an. Heute Abend Zumba, natürlich auf Französisch. Morgen Mittagessen mit den anderen Praktikanten des Museums, in dem ich seit zwei Monaten bei Übersetzungen, der Instandhaltung der Internetseite und dem Organisieren einer deutsch-französischen Begegnungsveranstaltung helfe. Auf Französisch. Essen auf Französisch, lesen auf Französisch, Kaffee trinken auf Französisch. Und am Wochenende eine Tour durchs Elsass – klar, auch auf Französisch.

Die Pro-Kontra-Liste

So oder so ähnlich könnte ein Bericht über meinen Auslandsaufenthalt beginnen. Das hört sich doch toll an, nicht wahr? Ich lebe seit drei Monaten in dem Land, das ich seit meiner ersten Französischstunde damals in der 6. Klasse zu lieben gelernt habe. Ich spreche jeden Tag die Sprache, die ich für die schönste und eleganteste auf der Welt halte – zumindest von den Sprachen, die ich kenne. Und ich freue mich auf all die Dinge, die ich in den nächsten Tagen erleben werde. Aber ich weiß auch: Das hier wird nicht ohne Kopfschmerzen ablaufen. Wollen wir die Sache hier mal wie in einer Pro-Kontra-Liste angehen. Das Pro kennen wir: viele nette Leute, tolle Praktikumsstelle und interessante Arbeit, jeden Tag etwas Neues lernen, neue und aufregende Situationen erleben und den ewigen Kindheitstraum, einmal in Frankreich zu leben, wahrmachen. Klasse, der Bericht verläuft doch ganz gut bis jetzt.

Es gibt auch ein Kontra auf deiner Liste?

Ich stehe immer noch vor meinem Kalender und habe kurz den Gedanken, mich einfach nur in mein Bett zu legen und die nächsten Tage dort zu bleiben. Mache ich natürlich nicht, würde auch irgendwann zu langweilig werden. Aber woher kommt der Gedanke? Sind wir mal ehrlich: So ein Auslandsaufenthalt ist klasse, aber auch verdammt anstrengend! Noch nie habe ich in einem Bericht über ein Auslandssemester in Barcelona, Paris, Turin oder sonst wo gelesen, dass man auch mal in diesem so fremden Zimmer, in dem man notdürftig einige Fotos von zu Hause an die Wand gepinnt hat, sitzt und sich vollkommen überfordert mit der Situation fühlt.

Die Haut-Koenigsbourg: ein kleines Highlight während der Elsass-Tour © lyh

Witzig? Klar! Aber auch auf einer anderen Sprache?

Das hält nicht lange an, man kommt schnell wieder zur Vernunft und geht zum nächsten Treffen mit den Leuten, die man erst einige Wochen kennt und spricht in einer Sprache, die einem nicht so einfach über die Lippen kommt wie die eigene Muttersprache. Dann sitzt man in der Bar und ertappt sich nach ein oder zwei Stunden dabei, wie man darüber nachdenkt, den Abgang nach Hause geschickt zu erklären. Der Kopf schwirrt, die Barluft ist berauschend und der Konversation der Anderen hat man nun seit 20 Minuten auch nicht mehr folgen können. Man gibt sich Mühe, strengt seine Gehirnzellen an, versucht bei den Witzen der Muttersprachler mitzukommen und wenn es besonders gut läuft, schmeißt man sogar noch einen kecken Spruch ein. Vorausgesetzt, die Grammatik in der Fremdsprache läuft noch nach zehn Stunden Dauerbeschallung der französischen Sprache und die im Kopf so wohl vorformulierten Wörter entgleiten einem nicht im letzten Moment wieder – also schweigt man mal besser.

„Hm, oui oui“ – Kopfnicken und Ja sagen

Klar, ich merke einen deutlichen Unterschied zum Beginn meines Aufenthalts in Straßburg. Anfang Januar sah ich mich noch einem knapp zwei Jahre älteren Franzosen gegenübersitzen, der meinen Praktikumsleiter verkörperte und dermaßen schnell sprach, dass ich mich nicht nur einmal fragte, ob ich in den letzten drei Jahren meines Französischstudiums nicht irgendetwas falsch gemacht hatte. Nicken und Ja sagen hilft da im Übrigen in den meisten Fällen. Auch wenn man sich dabei nicht gerade sonderlich intelligent vorkommt und mehr als ein Mal darauf hoffen muss, dass jetzt bloß keine weiteren Fragen zu dem Thema kommen.

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Aber keine Sorge: Besserung ist in Sicht

Mit der Zeit besserte sich meine Fähigkeit, den Schnellsprecher zu verstehen und auch meine Sprachfähigkeiten erlaubten es mir zumindest, mich verständlich auszudrücken – Grammatik lassen wir mal außen vor. Vor lauter Nervosität – und anfangs ist quasi jede Situation eine Gefahrenquelle für die zu Hause so wohl trainierte Gelassenheit – verwechselt man Wörter, erfindet neue oder beginnt einen Satz, der nach der Hälfte hilflos im Raum verstummt, weil das Wort, das man sucht, einfach nicht im Hirn auftauchen möchte.

Vier Tage später …

Ich klebe Fotos an meine Zimmerwand und erinnere mich an das Wochenende zurück. Ich habe unglaublich viel gesehen, Affen gefüttert (Der Montagne des singes im Elsass ist wirklich zu empfehlen) und bin durch Museen und Schlösser gewandert. Und mein Französisch habe ich auch noch weiter entwickeln können. Ich bin froh, nicht der irrwitzigen Idee, im Bett zu bleiben, nachgegeben zu haben. Obwohl ich Wuppertal vermisse und es anstrengende Momente gibt, hat es sich drei Mal gelohnt und ich weiß, dass ich nach meiner Rückkehr irgendwann wieder hierherkommen werde und mich den Herausforderungen erneut stellen möchte.

Sogar füttern kann man die Affen auf dem Montagne des singes © lyh

Können wir mal ehrlich sein?

Das Einzige, was mir bei diesem Artikel wichtig ist, ist es zu zeigen, dass Auslandsaufenthalte wahnsinnig bereichernd sind und einen unglaublichen Erinnerungswert haben, es auf der anderen Seite aber auch schlechte Momente geben wird. Das schreibt nur nie jemand. Niemand erzählt von den einsamen oder peinlichen Momenten, in denen man sich unwohl fühlt. Nie würde ich von einem Auslandsaufenthalt abraten – im Gegenteil. Ich möchte einfach nur mal beide Seiten der Medaille zeigen und einen ehrlichen Auslandsbericht schreiben. »lyh«

Titelfoto: © lyh

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