Ein kleines Notizbuch, um alle Gedanken festzuhalten © lyh

Ein halbes Jahr eine Auszeit nehmen und nur das tun, was einem das Bauchgefühl rät – mitten im Studium. Für viele undenkbar, für einige ein unerfüllter Traum und für wieder andere ein nötiger Schritt. blickfeld-Redakteurin Lilly will wissen, was passiert, wenn man sechs Monate keinen geregelten Alltag mit Vorlesungen, Seminaren und einem Nebenjob hat. Was passiert, wenn man keine Pläne macht, nicht weiß, wo man in einem Monat sein wird? Ihre Reise beginnt Ende September. Ziel ist der Camino Francés, wie viele den Jakobsweg in Nordspanien nennen. Das Erlebte wird in einem kleinen, mit Blumen bemalten Notizbuch festgehalten. Es folgt ein Auszug des Reiseberichts:

Schneller, höher, weiter – alles Adjektive, die einen Superlativ anstreben. Geben wir es zu: Jeder von uns hat schon einmal diesen Wettbewerbsgedanken gehabt. Die meisten – und davon schließe ich mich selbst nicht aus – leben diese für unsere Generation so typische „Es könnte ja noch etwas besser sein“-Mentalität täglich.

„Hätte, hätte“ – warum fragen wir uns das überhaupt?

„Das Studium nicht in der Regelstudienzeit geschafft? Das hättest du aber schon hinbekommen können, wenn …
… da nicht so viele gute Partys gewesen wären,
… du nicht in den Urlaub gefahren wärst, anstatt die Klausur zu schreiben und
… du dich nicht verliebt und besser mal an dein Essay gedacht hättest, als an das bevorstehende Date.

Stromberg – so unbeholfen er als Kultserien-Chef auch war – hatte mit seinem „Hätte, hätte, Fahrradkette“ schon Recht. Was macht es, wenn wir mit 28 noch keine eigene Firma haben, noch keine 100.000 Euro im Jahr verdienen und eben noch immer studieren? Muss ich das jemals haben? Möchte ich das überhaupt?

Warum nicht mal ohne schlechtes Gewissen genießen?
Wir tun es ja doch!

Es ist doch so: Wir alle wollen eigentlich nur das machen, was uns Freude bereitet. Etwas erleben, bei dem wir uns inspiriert, aufgeregt oder einfach nur zufrieden fühlen. In genau dem Tempo, das für jeden Einzelnen das richtige ist. Jetzt aber kommt die große Frage: „Tun wir genug von dem, was uns Freude macht? Ohne ein schlechtes Gewissen zu haben? Oder verfolgen wir nur das, was wir denken, was von uns erwartet wird?“ Lautet die Antwort zuerst „Nein“ und dann vielleicht doch ein ehrliches „Ja“, kommt eine weitere Frage auf: „Warum?“

Warum gehen wir nicht feiern, ohne daran zu denken, dass wir morgen um acht Uhr im Hörsaal sitzen und auswendig gelernte Formeln in einer Klausur anwenden müssen? Warum haben wir ein schlechtes Gewissen, wenn wir zu viel an die neue Liebe denken und zu wenig an unseren Stundenplan für das nächste Semester? Wovor haben wir Angst?

Die alte Ruine in San Anton © Joanna Castles

Wie Buddha ganz entspannt dem Leben entgegensehen? Gar nicht so einfach.

Vor einigen Wochen las ich ein Buch, auf dessen Cover eine Mittelfinger zeigende Buddha-Statue und der Titel „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“ abgebildet war. Eine liebe Freundin hatte es mir geschenkt. In diesem Buch beschreibt die Autorin mit ausgelassenem Witz, wie viele Dinge und „ander‘ Leuts“ Meinungen einem egal sein sollten und wie viel sorgenfreier man dann leben würde. „Ja klar“, dachte ich, „weil es ja so einfach ist, im Schneidersitz Buddha-ähnlich den scheinbar unwichtigen Dingen des Lebens den Mittelfinger zu zeigen.“ Klar war jetzt aber, dass es so nicht weiter gehen konnte.

Was ich will? Keine Ahnung. Ist das schlimm?
Auf keinen Fall.

Ich wurde nicht nur von Freunden, auch von meiner Familie und beinahe wildfremden Menschen auf dem Camino gefragt, weshalb ich hier sei. Meine Standardantwort war stets: „Ich möchte wissen, welchen Beruf ich ergreifen soll, welchen Master ich machen möchte.“ Das habe ich nicht gesagt, weil diese Antwort so leicht erscheint, sondern, weil ich sie zuerst wirklich geglaubt habe. Was will ich eigentlich vom Leben? Keine Ahnung. Muss ich das wissen?

Ich wusste nur, dass ich mehr von „Genieß den Moment“ und weniger von „Was mache ich bloß, wenn ich in fünf Jahren keinen Job finde“ haben wollte. Mein bester Freund würde jetzt sagen: „Entspann dich doch mal“. Und um das zu lernen, musste jetzt etwas passieren. Der Rest ergibt sich schon von selbst.

Güte und Gastfreundschaft kann man nicht planen

Drei Wochen später sitze ich hier, auf einer morschen Holzbank in San Antón, eine Ruine an einer alten Kirche irgendwo zwischen Burgos und León, Nordspanien. Die letzten Überreste aus dem 12. Jahrhundert wurden in eine kleine Pilgerherberge verwandelt. Elektrizität und warmes Wasser sucht man hier vergeblich (keine Sorge, alle anderen Herbergen sind modern ausgestattet). Dafür findet man eine unglaublich hilfsbereite und gütige Herbergsmutter und viele neue Pilgergesichter.

„Alles so schnell wie möglich“ funktioniert nun mal nicht immer

„Der Camino …“, geschrieben auf eine Muschel, eines der Erkennungszeichen von Pilgern © lyh

Da mein Knie leicht angeschlagen ist, werde ich einige Tage Pause machen und hier bleiben müssen. Noch zu Beginn meiner Reise eine Horrorvorstellung, wollte ich den Camino doch mit sportlicher Höchstleistung in dreißig Tagen bewandert haben. Dass mein so totsicherer Plan nicht funktioniert, habe ich tatsächlich nicht erwartet.

Es sitzt ein ältere Mann vor mir, er tippt mit den Fingern leicht gegen das schmiedeeiserne Tor zur Herberge. Es erklingen wundervolle Töne. Er fragt mich nach meinem Namen, sein weißer Bart und seine bunte Tunika wippen mit dem Wind. Sein Alter ist schwer zu erraten, ich schätze ihn auf um die 60. Seine fröhlichen und neugierigen Augen scheinen allerdings die eines Zehnjährigen zu sein. Mao heißt er. Mao redet viel, ich höre lange nicht alles, jammere ich doch noch innerlich über mein kaputtes Knie, bis er folgendes sagt: „Der Camino gibt uns nicht das, was wir suchen, sondern das, was wir brauchen.“ Danach höre ich jedes seiner Worte.

Wer braucht denn die Regelstudienzeit?

Dies hier soll kein Plädoyer dafür sein, keine Ziele und Träume zu haben, keinen Ehrgeiz, um diese erreichen zu können. Ich fände es schön, in einigen Jahren mein Studium beendet zu haben, einen Beruf, der mich erfüllt, zu ergreifen und viele andere schöne, geplante Dinge zu erleben. Aber es kann jederzeit anders kommen. Und „anders“ heißt nicht schlecht, im Gegenteil: Ich möchte meinen Lebenslauf entschleunigen, gespannter sein auf das, was alles unerwartet passieren wird.

Ich möchte genießen, was ich tue, was ich auf der Welt entdecke. Welchen Menschen ich begegne, welche unbezahlten, aber an Erfahrungen unbezahlbare Praktika ich mache. Ohne vorbeizuhetzen, zu planen und ohne in zehn Semestern Bachelor und Master abgeschlossen zu haben. Dann werden es eben 12 oder 13. Na und?

Warum also nicht mal „Regelstudienzeit am Arsch vorbei“, „schneller Erfolg adé“ und „Hallo Leben genießen“? »lyh«

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Ein Kommentar zu Eine Hommage an die Gelassenheit und Unverplantheit

  1. Axel Bopp sagt:

    Sehr schöner Artikel. Wir stellen uns nämlich immer die Frage : „Warum habe ich nicht was ich will ??“ – Vielleicht, weil das Leben uns gibt, was wir wirklich brauchen… Nicht so unterschiedlich von einem solcheren spirituellen Weg 😉

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