Erasmusaufenthalt in Leuven

Schon bevor ich mit meinem Studium anfing, war mir lange klar, dass ich unbedingt ein Auslandssemester in mein Studium integrieren möchte. Nachdem ich ein Jahr studiert habe, habe ich mir diesen Schritt, fachlich gesehen, auch zugetraut. Im dritten Semester dann, fing ich an mich zu informieren und was sich da anbot, war die perfekte Kombination meiner beiden Studienfächer. Ein englischsprachiges Philosophieinstitut in Belgien!

Das Akademische Auslandsamt war bei allen organisatorischen Schritten sehr hilfreich und bald schon war ich an der Katholieke Universiteit Leuven eingeschrieben. Blieben nur noch die Beurlaubung an der BU Wuppertal und das Finden einer Unterkunft. Zwar ist es möglich sich bei den Residenzen der Universität um ein Zimmer zu bewerben, es ist aber meistens der Fall, das man abgelehnt wird. Mein Semester war das Erste dem die Möglichkeit eingeräumt wurde, sich bei den Wohnheimen zu bewerben. Zuvor war das nicht üblich. Einige Universitäten, die ebenfalls einen Austausch mit Leuven pflegen, haben Verträge mit Residenzen oder teilweise eigene Residenzen, wo sie ihre Studenten unterbringen. Allen anderen bleibt der übliche Weg: Auf in die Studentenstadt und selbst ein Zimmer suchen! Selten gibt es einzelne Zimmer, die vermietet werden. Gang und gebe sind Zimmer in WGs. Die Größe variiert hierbei. Außerdem wird immer für mindestens 10 Monate vermietet. Da die meisten Erasmusstudenten, im Gegensatz zu allen anderen Nicht-Europäern, für ein Semester da sind, kommt die KU Leuven ihnen in dieser Frage sehr entgegen. Es wird eine Liste der flämischen Studenten erstellt, die selbst ein Semester im Ausland verbringen und ihr Zimmer untervermieten möchten. Diese Listen sind ab Juni oder Juli beim Housing Service einsehbar (wenn man im WS kommen möchte). Die Studenten, für die es kein allzu großer Aufwand ist, kommen bereits dann, um sich Zimmer zu sichern, und kommen dann im September für die Orientation Week und den darauf folgenden Unterricht zurück. Ich selbst habe ein hübsches Zimmer in einer WG mit 10 Belgiern und zufälligerweise einem Deutschen gefunden. So wie ich alle WGs erlebt habe, wird die Küche geteilt ebenso wie Dusche und Toilette, jedoch hat jeder ein eigenes Waschbecken in seinem Zimmer, was wirklich sehr praktisch ist. In meinem Fall hatten wir im Haus drei Badezimmer, da wir zu zwölft waren.

Leuven ist eine hübsche mittelalterliche Studentenstadt in Flämisch-Brabant in Belgien und ist eine der bekanntesten und größten Universitäten in den Beneluxstaaten und ihr Ruf geht weit über diese Grenzen hinaus. Am Hoger Instituut voor Wijsbegeerte, dem höheren Institut für Wissbegierige, das sowohl ein flämisch- als auch ein englischsprachiges Programm in Philosophie anbietet, waren alle Kontinente vertreten. Die meisten Studenten kamen aber aus Kanada und den USA. Wer also sein Englisch verbessern möchte, hat hier die Gelegenheit sich mit ausreichend Native Speakern zu umgeben.
Innerhalb des Rings der Stadt kann man alles zu Fuß erreichen oder, noch üblicher, mit dem Fahrrad. Wirklich jeder hat hier ein Fahrrad und ich empfehle jedem, sich ebenfalls entweder eins mitzubringen oder auszuleihen, um das richtige Feeling in dieser Stadt zu kriegen. Selbst der Postbote stellt die Briefe auf seinem Fahrrad zu und hin und wieder sieht man mal einen Polizisten durch die Gegend radeln.
Die Universität ist keine Campus-Uni, alle Studiengänge oder Fachbereiche sind über die Stadt verteilt an Instituten oder Fakultäten arrangiert. Das nimmt aber keinesfalls negative Auswirkung auf das Universitätsleben! Gefühlt die Hälfte der Einwohner sind Studenten und da die Stadt eher klein und eng ist, kommen einem auf Schritt und Tritt Studenten auf ihren Fahrrädern entgegen. Außerdem sind viele Institute gar nicht weit voneinander entfernt; in der Straße, wo das HIW sich befindet, sind ebenfalls die Fakultäten für Jura und Psychologie.

Leuven ist voll von Cafes, Bars und kleinen Clubs, sodass es immer einen Ort gibt an dem man nett plaudern kann oder tanzen gehen kann. An dieser Stelle muss auf eine Eigenheit der Flamen, eventuell auch Wallonen, das kann ich mit Sicherheit nicht sagen, hingewiesen werden. Entgegen der Erwartung, dass gerade am Wochenende das Studentenleben aufblüht, sind es die Wochentage, und insbesondere der Donnerstag, an denen das der Fall ist. Denn es ist so, dass am Wochenende ausnahmslos alle zurück zur Familie in ihre Ortschaften und Städte fahren. Ab Freitagnachmittag bis zum Abend hin hört man durchweg Koffer auf dem Kopfsteinpflaster in Richtung Bahnhof rollen. Am Sonntag Abend, meistens wenn die letzten Züge ankommen, hört man dieses vertraute Geräusch dann wieder. Und diese Beschreibung ist nicht übertrieben. Sehr süß waren die Fragen meiner belgischen Mitbewohner, was ich denn so am Wochenende machen würde, wo ich doch nicht zur Familie zurück kann und ob ich mich nicht langweilen würde. Das Erstaunen war groß, als ich erklärte, dass in Deutschland primär das Wochenende die Zeit zum Ausgehen und entspannen sei und das sowieso jeder ziemlich individuell gestaltet, was er oder sie dann machen möchte. Noch größer war das Erstaunen, als ich hinzufügte, dass es ohnehin nicht üblich sei, wirklich jedes Wochenende nach Hause zu fahren, auch für die nicht, die nicht weit entfernt wohnen würden, wie z.B etwa zwei Stunden. Es muss gesagt werden, dass für Belgier eine Entfernung von zwei Stunden wirklich sehr weit ist, wenn man bedenkt, dass man in in zwei Stunden das ganze Land durchqueren kann. Trotzdem sind die Wochenenden alles andere als langweilig, da die internationale Gemeinschaft so groß ist in Leuven, dass immer etwas unternommen wird.

Belgien als Land hat viel zu bieten und man bemerkt erst dann, wenn man da für ein halbes Jahr lebt, wie wenig wir doch darüber wissen. Aber es ist schon wahr, dass man die Spaltung stark bemerkt. So hat die KU Leuven eine wirklich sehr informative Orientation Week in der viel organisiert wird und in der man, neben vielen anderen Dingen,die wichtigsten Informationen über Flandern und die Geschichte Belgiens lernt. Man wird auch ermuntert, viel zu reisen und sich vieles anzugucken. Was aber auffällt ist, dass man nur mit den Namen und Prospekten über Flandern in Kontakt kommt. Natürlich kann man sich problemlos alles, was man über die Wallonie und die deutsche Enklave wissen möchte, aus dem Internet zusammensuchen und ich kann nur empfehlen alle drei Teile dieses Landes zu bereisen. Es ist mehr als faszinierend, wenn das französischsprachige Brüssel nur 30 Minuten entfernt ist, man nur 40 Minuten in den Süden fahren muss um in der Wallonie in einer Patisserie einkaufen zu können oder wenn man eineinhalb Stunden östlich im deutschsprachigen Eupen ein Schnitzelhaus vorfindet.
Den Flamen ist es wichtig, dass man ihre Sprache lernt. So ist ein Sprachkurs in Flämisch obligatorisch an der KU Leuven. Für deutschspachige Studenten ist dieser Sprachkurs ein leichtes. Es ist kein Problem ihn zu bestehen. Außerdem ist er ein perfekter Ort, um andere internationale Studenten kennenzulernen.

Die Vermischung mit den einheimischen Studenten ist ein wenig schwieriger als mit der internationalen Gemeinschaft. Das liegt zum einen daran, das man in unterschiedlichen Programmen studiert. Die einen auf Englisch, die anderen auf Flämisch. Da ist es natürlich, das man sich im Alltag selten begegnet. Anderseits sind Belgier, wenn auch immer höflich und freundlich, zunächst etwas distanziert. Trotzdem ist es nicht unmöglich mit ihnen in Kontakt zu kommen und Spaß zu haben. Man muss sich nur ein bisschen trauen. Ein Mal habe ich mich mit einem Belgier spontan unterhalten und prompt war ich zu einem International Dinner eingeladen, das seine WG organisiert hat. Außerdem hat die KU Leuven ein Buddy- Programme in dem einem ein flämischer Buddy für das ganze Semester zugeteilt wird. Ich kann nur wärmstens empfehlen an diesem Programm teilzunehmen! Natürlich kann es passieren, dass man jemandem zugeteilt bekommt mit dem man sich nicht ganz so gut versteht, aber das kann man vorher nie wissen. Ich hatte Glück und bekam eine sehr nette gebürtige Belgierin, die in Luxemburg aufgewachsen ist, zugeteilt. Wir haben uns gut verstanden und da sie mal in Luxemburg gelebt hat, konnte ich mich mit ihr sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch unterhalten.

Mein bestes Erlebnis in dieser Zeit war, als ich spontan einem Kommilitonen einen Schlafplatz in unserer WG besorgt habe. Mitten im Winter, bei Minusgraden, war in seinem Haus die Heizung ausgefallen. Die Revanche war, dass, als mein Mietvertrag auslief, mir von ihm eine Unterkunft besorgt wurde und ich noch fünf Tage länger bleiben konnte. Den Besuch im Europäischen Parlament würde ich ebenfalls zu den Highlights meines Aufenthaltes zählen. Mein schlechtestes Erlebnis war, dass meine Vermieterin meine Kaution nicht im versprochen Zeitraum, und trotz eines tadellos zurückgelassenen Zimmers, überwiesen hat und die Sache noch Klärungsbedarf hat. Aber das kann einem schließlich in jedem Land passieren und niemand sonst von meinen Freunden hatte ein vergleichbares Problem mit seinen Vermietern. Leuven ist als Studienstandort eine gute Wahl und ich hatte eine sehr schöne Zeit.

Gastautorin: Alexandra Prinz – »ap«

Foto: Alexandra Prinz

Alexandra Prinz studiert Anglistik und Philosophie im Bachelor.

 

 

 

 

 

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