Wuppertal, so nah!

Unglaubliches ereignete sich in Woche fünf. Im koreanischen Café nahe dem Waschsalon eine Zeitung aufschlagend kann ich meinen Augen nicht trauen (der vorangegangene Satz ist übrigens ein Beispiel für Hindi-Rhetorik. Vielleicht werde ich nun, angekommen im fremden Land, alle meine Ausführungen viele Worte akkumulativ in Phrasen zwängend, Partizipialkonstruktionen strapazierend und die Aufmerksamkeit des Lesers ad ultimo ausreizend zu formulieren beginnen…). Nach der Rhetorik war es nun das cineastische Kulturerlebnis, das ich zu beschreiben im Begriff nach Worten suchend mich dran begab zu erzählen… Im Magazin, das mir meinen Kaffee versüßen sollte, fiel mein Blick auf ein Gebäude, zwar verdeckt durch eine Explosion, jedoch deutlich zu erkennen: Die historische Stadthalle. Aber wie kommt eine Abbildung des Wuppertaler Wahrzeichens in eine indische Illustrierte? Recherchen förderten zu Tage, dass der rezensierte Film tatsächlich auch in Deutschland, ja, auf der A44, in Köln und Wuppertal gedreht wurde. Er heißt Azaar und im Trailer schon erscheint die Stadthalle, in der im Film die ‚World Peace Conference‘ stattfindet und die Ziel einer terroristischen Attacke wird. Sicher werde ich den Film als VideoCD – die erscheinen hier nämlich nur eine kurze Weile nachdem der Film die großen Leinwände verlassen hat – mit nach Wuppertal bringen und im Rahmen einer Veranstaltung der Fachschaft zeigen.

Ausschnitt der Azaar-Rezension – per Klick vergrößern © bf

Es ist einfach als ein glücklicher Zufall und vielleicht auch als ein Wink des Schicksals zu verstehen, hier in Delhi eine solche Melange internationaler Großstädte präsentiert zu bekommen, in die sich ausgerechnet ‚वुपर्टल जर्मनी में‘ (Wuppertal in Deutschland) eingliedert. Incredible India! In Mukherjee Nagar, einer Art ‚Studentenviertel‘, im ‚Batra‘ sitzend konnte ich es kaum fassen, musste lachen und hatte auch Tränen auf den Wangen, als unsere Stadt schon zu Beginn des Filmes milchig auf die vergilbte Leinwand projiziert wurde.

Das Batra-Kino ist eines, in dem nicht nur für die Dauer dieser Sequenzen die Zeit zum Stillstand gekommen zu sein scheint. Meine Faszination für das Vergängliche hat mich schon häufig dazu ermuntert, Stillgelegtes oder Abgestelltes zu bewundern. Jedoch anders, als es mir bei leerstehenden Kaufhäusern ging, in denen ich die liegengebliebenen Waren und außer Betrieb genommenen staubigen Rolltreppen durch das immer milchigere Glas habe einfangen wollen, ist es hier sehr greifbar. Die Karten werden an einem Schalter verkauft, der sich in eine Mulde in die Wand presst und nach außen hin verglast ist. Es sind bunte Papierzettelchen mit undeutlichen Stempelabdrücken. Man lungert wartend im Hof und irgendwann geht ein Ruck durch die Menge und ein Gittertor auf und alle strömen hinein, wo ein Kartenabreißer der letzte ist, den man im Lichtschein wahrnehmen kann. Danach nur noch vereinzelt Glühlampenlicht und viel Dunkelheit. Eine Treppe führt nach oben in die Loge, Türen ins Parkett. Die Treppe hinauf schreitend beginnt man sich an das schummrige Licht zu gewöhnen und die Pupillen weiten sich. Im Kinosaal angekommen sind es die Bewegungen der Taschenlampe des Platzanweisers, die das Auge irritieren und kurzweilig für Verwirrung sorgen. Der Film hat schon angefangen. Der Kinosaal ist mindestens fünfzig Jahre alt und sein Interieur hat keine Renovierung erlebt. Der Boden glänzend erodierten Betons, die Wände mit einer Umständlichen, an manchen Stellen provisorisch ausgebesserten Holzverkleidung. Die Sitze wirken matt und ledern, von ausgesessenem Futter und Löchern geschunden. Doch es ist bequem. Der Saal seltsam tief, die Leinwand und die gesamte Projektion muten an, als hätte man den Film durch ein leeres Marmeladenglas gesehen. Incredible India.

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Endlich überquere ich die durch große Vorhängeschlösser vor Vandalen gesicherte Schwelle des alten Kaufhofes und finde mich wieder in einer indischen Actionproduktion an internationalen Schauplätzen. Die Special Effects sind noch spezieller in dieser Umgebung: einen Computer auf der Leinwand zu sehen, lässt einen meinen, man sei eben aus einem De Lorean gestiegen. Alles, wahrlich alles hier in Indien weist so klaffende Unterschiede und Polaritäten in einem solchen Spektrum auf, wie man sie schwer skizzieren kann. Es ist so, wie im Film…

Link: Azaan (2011, Official Trailer)

Titelbild: Das Batra-Kino © bf

Gastautorin: Birte Fritsch – »bf«

Foto: Birte Fritsch

Birte Fritsch studiert derzeit Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität. In den letzten Jahren war sie unter anderem Mitglied des Studierendenparlamentes, des Fachschaftsrats des Fachbereichs A, der FSRK und des AStA (als Referentin für Kultur und Shop).

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