„Man muss vielleicht mal aufhören zu sagen, hier wäre das furchtbarste Ende der Stadt“

Von Ende Mai bis zuletzt baute sich vor dem Bahnhof Oberbarmen ein kleines Partyzelt auf, an dem Passanten von jungen Leuten ein kräftiger türkischer Chai aus einem Samowar eingeschenkt wurde. Insbesondere mitten im Verkehrschaos erwies sich die kleine freundliche Insel mit Tee und süßem Baklava als ein kleines Trostpflaster. Höchstens das mobile Sonnenmodul verriet aus der Ferne, wer da einschenkte, aber erst beim näheren Herantreten machten sich auf dem Tisch die Giveaways der Grünen bemerkbar. An vier Samstagen standen das Mitglied des Stadtrats Liliane V. Pollmann und der Co-Sprecher der Grünen Jugend Amir Mansour mit ihren Kolleg:innen vor dem Bahnhof. blickfeld hat nachgefragt, was sie zur Aktion bewegt hat und was sie damit erreichen wollten.

Amir Mansour (l.) und Liliane V. Pollmann (r.) - Foto: blickfeld

blickfeld: Mögt ihr beiden zunächst erzählen, warum ihr da wart?

Liliane: Wir haben mit der Aktion „Auf einen Chai mit“ Ende Mai angefangen, weil wir hier unbedingt mehr Präsenz von anderen Kräften, die hier noch nicht so sichtbar sind, und von Politik generell in Oberbarmen verwirklichen wollten. Ziel war auch, ganz klarzumachen, dass es auch noch andere Politik gibt als die Nazis, die vielleicht die einzigen sind, die hier momentan zumindest große Wahlgewinne bekommen.

Amir: Ziel ist es natürlich, dass die Menschen in Oberbarmen sich einfach angesprochen und verstanden fühlen. Ich habe das Gefühl gehabt, dass man einfach proaktiv auf die Leute zugehen muss – das haben wir mit unserem Stand hier versucht. Oberbarmen ist ein sehr schöner Stadtteil. Es ist ein lebenswerter Platz und das sollte es auch für alle sein. Wir haben sehr viel positive Resonanz bekommen und uns dazu entschlossen, das einmal im Monat zu machen, hoffentlich langfristig, so dass man hier einen aktiven Treffpunkt hat, an dem man uns ansprechen kann.

blickfeld: Wie kam es zu dieser Idee?

Liliane: Da kamen verschiedene Sachen zusammen: Ich bin in den Stadtrat eingezogen, und zwar als Einzige aus Oberbarmen in unserer Ratsfraktion. Wir haben sehr viele Menschen aus dem Wuppertaler Westen, nur zwei aus dem Wuppertaler Osten und ich bin die Einzige aus Oberbarmen. So zieht sich das auch durch die Partei, dass wir sehr viele Grünen-Mitglieder in Elberfeld haben und die Mitglieder hier weniger sichtbar sind. Das hat mich gestört. Ich glaube, wir können hier auf jeden Fall mehr machen und mehr Politik hinbringen, weil die Menschen hier ganz klare Ideen haben und genervt sind, dass man für alles nach Elberfeld fahren muss. Das andere, was hinzukam, ist, dass unsere Partei sich auf den Weg gemacht hat, vielfältiger zu werden – also weniger die weiße, akademische Mittelschicht, die immer noch sehr viele Parteimitglieder stellt. Und wo könnte man besser mit den Menschen ins Gespräch kommen, die noch nicht in der Partei repräsentiert sind, als hier in Oberbarmen und auf diesem Platz?

blickfeld: Wie kamt ihr denn auf Baklava?

Amir: Wenn du mich fragst, dann ist Oberbarmen so ein Mini-Kreuzberg. Wir haben verschiedenste Kulturen hier, die aufeinandertreffen, ob es jetzt türkisch, kurdisch, arabisch oder sonst irgendetwas ist, und dahingehend war Baklava wirklich das Beste. Aber am Ende des Tages hätten wir hier auch mit Franzbrötchen stehen können, es ging ja nicht darum, was die Leute hier essen, sondern dass wir die Leute einladen, als Gäste proaktiv an unseren Tisch zu kommen. Die Idee dahinter war gar nicht, groß Politik oder Wahlkampf zu machen, sondern auf die Menschen zuzugehen und sie neugierig zu machen.

Liliane: Ich hatte auch superspannende Gespräche mit Menschen, die nach dem ersten Schluck Tee ihr Herz ausgeschüttet haben. Das zeigt für mich auch, wie dringend es das gebraucht hat, dass es hier einfach die Möglichkeit gibt, miteinander zu reden. Mit Tee ist es auch gemütlicher, als wenn man schnell etwas in die Hand drückt. Es ging da nicht darum, jemanden mit Information zu betanken, sondern eher andersrum – Informationen zu bekommen. Ich fand es sehr beeindruckend, zu sehen, wie viel dabei rumgekommen ist, und wie viele Menschen ehrlich daran interessiert waren, das Gespräch zu suchen und sich natürlich auch zu beschweren – das gehört zur Wahrheit dazu und ist auch berechtigt.

blickfeld: Was für Probleme sprachen die Menschen denn an?

Liliane: Es ging viel darum, wem welcher Platz gehört. Zum Beispiel: Wer benutzt was auf dem Spielplatz an der Rosenau, wie sicher fühlen sich die Kinder und wie gut kommt man dahin? Ein Thema war auch, dass der Berliner Platz als Hotspot von Kriminalität gilt. Viele Menschen haben angesprochen, dass sie sich sicherer fühlen möchten, und was man dafür tun kann. Eines der spannendsten Gespräche war eines mit einer Polizistin, die gesagt hat: „Naja, der Ruf ist schlechter als das, was auf dem Platz passiert.“ Die Polizei wird viel seltener gerufen und auch nicht wegen polizeilicher Vorkommnisse, sondern weil Menschen einfach den öffentlichen Raum für sich beanspruchen – dafür ist er ja auch da – und andere Menschen sich davon gestört fühlen. Auch das gehört zu diesem Nachbarschaftsleben dazu. Ich glaube, auch durch solche Sachen wird deutlich, wie wichtig es ist, zwischen den verschiedenen Gruppen hier im Stadtteil ins Gespräch zu kommen.

Amir: Ob Sauberkeit oder Armut, Oberbarmen als Stadtteil und alles, was im Wuppertaler Osten ist, vielleicht Beyenburg ausgenommen, kämpft mit geringen Einkommensmöglichkeiten in den Familien. Ich habe auch viele Gespräche auf Arabisch geführt, in denen ich einfach die gleichen Erlebnisse widergespiegelt bekommen habe. Viel zu viele Kinder auf viel zu wenig Platz – da geht es einfach grundsätzlich darum, dass das Kind sich gar nicht in seinen eigenen vier Wänden frei entfalten kann, keine Privatsphäre hat, und dann vielleicht auch am Berliner Platz verweilt. Dann gehört es dazu, dass wir als Politik schöne Orte schaffen für diese Kinder.

Liliane: Und bezahlbarer Wohnraum war ein Thema, auch wenn man daran in diesem Stadtteil nicht als Erstes denkt. Es ist gar nicht so leicht für die Familien, hier etwas zu finden, was bezahlbar ist, und den Ansprüchen einer Familie überhaupt genügen kann.

blickfeld: Wer waren die Menschen, mit denen ihr gesprochen habt?

Liliane: Ich glaube, in den Gesprächen, die ich geführt habe, waren wenige Grünen-Wähler:innen, insofern fand ich das superspannend. Und es waren tatsächlich auch Menschen da, bei denen ich sagen würde: Ja, wahrscheinlich wählen sie eigentlich die AfD, aber im Gespräch kam raus: Nicht, weil sie gerne eine rechtsextreme Partei an der Macht hätten, sondern tatsächlich aus Verzweiflung. Das klingt immer so nach diesem klassischen Narrativ, aber bei einigen Gesprächen wussten sie wirklich nicht, wohin. Im Wahlkampf war mir aber auch aufgefallen: Abgesehen von diesen Spaziergängen und irgendwelchen Pseudodemonstrationen, die sie hier angemeldet haben, ist die AfD hier nicht wirklich präsent. Sie machen keinen Stand, sie machen keine Veranstaltung, sie reden halt viel darüber, wie furchtbar dieser Stadtteil ist. Zu mir hatte auch jemand gesagt: Schön, dass hier jemand steht, die AfD würde nur da hinten an der Kneipe stehen. Vielleicht ist das das richtige Zeichen, um als progressive Kraft aufzutreten und zu sagen: Wir kommen mit euch ins Gespräch und wir wollen wissen, was euch bewegt.

blickfeld: Was sind denn eure eigenen Lieblingsorte hier in Oberbarmen?

Amir: Ich bin in Langerfeld aufgewachsen, beziehungsweise erstmal in Hatzfeld. Den Großteil meiner Kindheit habe ich in Oberbarmen verbracht. Ich komme aus einer arabischsprechenden Familie und wurde arabisch großgezogen – das heißt, wir haben eine große Freude an arabischen Supermärkten oder Restaurants. Für gute Kulinarik sollte man nach Oberbarmen kommen. Für grüne Spots auch. Auch kein Standard-Case: Die Schwarzbach war früher eine Reichengegend und jetzt genau das Gegenteil, aber trotzdem ist sie mehr als lebenswert. An jedem Platz, wo Menschen sind, kann man etwas Schönes schaffen und da gehört es einfach dazu, dass wir da etwas machen.

Liliane: Dieses Ufer an der Rosenau ist einer meiner Lieblingsorte, weil ich mitbekommen habe, wie sich das entwickelt hat. Nach der Schule haben wir hier viel Zeit verbracht und damals war es wirklich nicht so schön wie jetzt. Es waren hauptsächlich Steine und kein gepflegter Rasen und es sah nicht so aus, als ob man sich hier aufhalten sollte. Ich finde, mit dem, was hier passiert ist, wird deutlich, was für ein Potenzial dieser Ort hat. Der andere Rand davon ist der Nordpark, der ist super unterschätzt.

blickfeld: Ist es euch denn schon gelungen, jemanden für Oberbarmen statt des Luisenviertels zum Ausgehen zu gewinnen?

Liliane: Ich habe es mir tatsächlich so ein bisschen zur Aufgabe gemacht, innerhalb der Partei und im Stadtrat die Fahne für diesen Stadtteil hochzuhalten, weil ich wirklich überzeugt bin, dass er besser ist als sein Ruf. Es kam auch immer in den Gesprächen durch: Eigentlich ist es hier schön und was mich stört, ist, dass es nicht anerkannt wird. Neben den Problemen, die man natürlich nicht wegdiskutieren kann. Ich glaube, insgesamt ist dieser Stadtteil unterschätzt. Man muss vielleicht mal aufhören zu sagen, hier wäre das furchtbarste Ende der Stadt – das ist ganz gewiss nicht so. Ich glaube, ich kann das einschätzen, ich habe hier fast 20 Jahre gewohnt. Und es ist ein Stadtteil, der in vielen Dingen davon lebt, wie viel die Menschen hier selbst gestalten und wie viel sie tun. Man sieht in anderen Stadtteilen viel zu wenig davon, was es hier für Organisationen und aktive Menschen gibt. Allein davon zu erzählen, würde die eine oder andere Person zumindest überzeugen, mal hier vorbeizukommen, und dann lade ich sie gerne ein und zeige, wo es hier wirklich schön ist.

blickfeld: Was hat die AfD denn hier „Hässliches“ während ihres jüngsten Spazierganges gefunden?

Amir: Sie sind die B7 runtergelaufen und die Wichlinghauser Straße hoch. Auf der B7 sind Lokalitäten, teilweise Gastronomen, die sich ihre eigene Existenz aufbauen wollen, die gutes Essen machen. Geh rein und überzeug dich doch selbst – aber ich bezweifle, dass irgendeiner von denen da reingegangen ist und mit irgendjemandem da drin gesprochen hat. Du kannst dir doch nicht einfach von außen die Fassade ansehen und dir deine Schlüsse ziehen. So funktioniert das nicht.

Liliane: Ich finde es faszinierend, dass sie dieses Stück ausgesucht haben: Da sind um diese Zeit einfach immer Menschen, die friedlich dasitzen, sich unterhalten und den öffentlichen Raum nutzen. Ich finde es angenehmer, hier um die Zeit unterwegs zu sein, als zum Beispiel in der Barmer Innenstadt, die um 21 Uhr schon ausgestorben ist.

blickfeld: Ist die AfD mit ihrem Spaziergang gescheitert?

Liliane: Das würde ich mal behaupten. Es waren 300 Gegendemonstrant:innen gegen 20 Personen von der AfD. Es hat deutlich gezeigt, dass dieser Stadtteil und die Stadt sich Oberbarmen nicht wegnehmen lassen. Ich glaube, allein dafür hat es sich gelohnt, die Demo zu organisieren. »eg«

Das Interview führte Evgenia Gavrilova

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