Eine Location, wie sie im Buche steht
Die Lesung findet im Rahmen der achten Ausgabe der Wuppertaler Literatur Biennale unter dem Motto „Die Wut“ statt. Was man der Veranstaltungsreihe dabei auf keinen Fall absprechen kann, sind ihre außergewöhnlichen Locations. Die Räumlichkeiten des „Studio One“ für die Lesung von „Gym“ fand ich dennoch besonders charmant. Ich erwische mich beim Schmunzeln, als mir bewusst wird, dass man von der Location aus die Trainingseinheiten im gegenüberliegenden Fitnessstudio beobachten kann. Da hat sich jemand Gedanken gemacht und das gefällt offenbar nicht nur mir. Auch die „Ronsdorfer Bücherstube“, die bereits bei einer vorangegangenen Lesung im Wuppertaler Club OpenGround mit einem Verkaufsstand vertreten war, lässt sich die Lesung von „Gym“ nicht entgehen.
Ab 19 Uhr bringen zwei Aufzüge die Besucher:innen der Lesung nach der Ticketkontrolle in die höheren Stockwerke der Location. Dass ausgerechnet hier niemand (inklusive mir) die Treppe nimmt, fällt mir erst später auf. Das finde ich lustig.
Oben angekommen, setze ich mich in die erste Reihe und spreche meine Sitznachbarin an. Sie ist vor nicht allzu langer Zeit Mutter geworden, fand das Buch witzig und dennoch sehr klug. Von der Veranstaltung erwartet sie deshalb auch mehr als Vorlesen. Ich auch. Wir kommen ins Gespräch über unsere Jobs und landen wenige Sätze später beim Thema soziale Ungleichheit. Es ist 19:30 Uhr und Antonius Weixler eröffnet die Veranstaltung.
Das Warm-up zur Lesung
Bevor Verena Keßler die ersten Buchseiten vorliest, sprechen Weixler und sie über die Idee eines Fitnessstudios als Ort für ein Kammerspiel. Ein Gym ist ein sozialer Raum, soziale Interaktion findet dort dennoch kaum statt. Die Intention eines Besuchs ist Kontrolle. Kontrolle über ein bestimmtes Körperbild oder die Gesundheit. Abgegeben wird sie, sobald die anfängliche Motivation nachlässt. Und plötzlich erwischt man sich dabei, wie man über die Kündigungsfrist nachdenkt. Wenn mich meine Fitnessstudio-Karriere eines gelehrt hat, dann, dass ich immer lieber die zehn Euro mehr pro Monat bezahle und die Vorteile einer flexiblen Kündigungsfrist genieße. Keine Anmeldegebühr und der Vertrag ist monatlich kündbar? Jackpot! Das ist die Kontrolle, die ich brauche, und die Freiheit, nach der ich mich sehne.
Erster Satz – kleine Notlügen als moderne Form des Mikrofeminismus?
Verena Keßler beginnt mit dem Vorlesen. Im Roman befinden wir uns mitten im Vorstellungsgespräch der namenlosen Protagonistin. Im Anschlussinterview erzählt mir Keßler, dass die Protagonistin bewusst keinen Namen trägt, da dieser zu viel über ihre Herkunft oder Klasse verraten hätte: „Sie ist sehr sparsam mit den Informationen über sich selbst und es hätte einfach nicht gepasst, wenn man wüsste, wie sie heißt.“
Das Bewerbungsgespräch findet in einem Fitnessstudio statt. Die Protagonistin merkt schnell, dass ihre Einstellungschancen aufgrund ihrer ,schlechten‘ Figur nicht gerade hoch stehen und tut etwas, was viele von uns wohl schon mal getan haben: Sie schmückt ihre Vita aus. Man muss sich doch bestens verkaufen können, sagt man schließlich. Eine Notlüge, spontan und dennoch ziemlich unsensibel. Sie behauptet nicht etwa, dass sie hervorragende Kenntnisse im Umgang mit einem ganz bestimmten Tabellenkalkulationsprogramm besitzt oder ihr Spanisch so gut ist, dass sie locker mit Muttersprachler:innen mithalten kann. Die Protagonistin rechtfertigt ihren Körper damit, dass „ihr Kleiner“ erst vor gar nicht allzu langer Zeit das Licht der Welt erblickt hat. Und plötzlich zeigt Fitnessstudioinhaber Ferhat, ein echter Feminist, nicht nur Verständnis, sondern auch tiefen Respekt vor dem weiblichen Körper. Die Protagonistin hat den Job sicher! Fake it till you make it, wie es im Buche steht. Vielleicht ist Ferhats Großzügigkeit auch der Grund, warum die Protagonistin auf die Frage einer Kollegin, wie „der Kleine“ denn heißt, „Ferhat“ antwortet. Ich lache laut.

Erste Diskussionsrunde: Weixlers Gedanken zum ersten Buchabschnitt handeln von fehlender Frauensolidarität und der Tatsache, dass die Protagonistin nicht nur eine Einzelkämpferin, sondern auch einfach unsympathisch und wirklich schwer zu mögen ist. Aber es geht auch um den Punkt, dass die Geburt wohl der einzige Moment im Leben einer Frau ist, in dem ein ,unperfekter Bauch‘ von der Gesellschaft akzeptiert wird. Die Autorin hingegen stellt klar, dass der Kerncharakter der Protagonistin darin liegt, immer die Beste sein zu wollen. Zudem kann sie Männer schlicht nicht ernst nehmen. Wirklich so unsympathisch?
Zweiter Satz – (Macher-)Mindset
„Erfolg besteht aus drei Buchstaben: TUN.“ Ich wette, Ferhats WhatsApp-Status sieht so oder so ähnlich aus. ,Macher-Mindset‘ nenne ich das liebevoll. Macher-Feministen sind meine Lieblingskombi.
Verena Keßler liest wieder vor. „Auch Frauen können viel“, meint Ferhat irgendwann, als sein Verständnis für den Frauenkörper plötzlich schwindet, der Wille dafür, dass die Protagonistin mehr dafür tut, die beste Version ihrer selbst zu sein, jedoch wächst. Sicherlich nicht wegen Ferhats Anmerkung, doch die Protagonistin stellt nun wirklich unter Beweis, wie willensstark sie ist. Die Trainingseinheit immer länger durchziehen als geplant. Immer an die Reserven gehen. Das hält so lange an, bis das Serotonin in Frustration umschlägt. Die Protagonistin versagt im ‚Plank-Duell‘. Das Selbstwertgefühl schmerzt. Die anderen sollen büßen. Die logische Konsequenz: Wie würde es wohl der anderen Person mit einem Fußtritt direkt ins Gesicht ergehen? Doch es bleibt beim ,Daydreaming‘. Sie schwelgt und genießt lediglich den Gedanken, dies zu tun.
In dem auf das Vorlesen folgenden Gespräch zwischen Weixler und Keßler herrscht nun Konsens über die Zielstrebigkeit der Protagonistin. Wertfrei bleibt es dennoch nicht. Gleicht ihre Zielstrebigkeit Wahnsinn? Die Kippmomente im Verhalten der Protagonistin werden immer dann deutlich, wenn sie es nicht schafft, die Beste zu sein. Verena Keßler verrät, dass „Gym“ niemals ein Roman mit einem Happy End werden sollte und fängt erneut an zu lesen.
Dritter Satz – TAKE IT OR LEAVE IT
„Du musst dich selbst lieben, bevor dich jemand anderes lieben kann.“ Doch was unterscheidet Leidenschaft von Besessenheit? Ein schmaler Grat. Im Roman lernen wir nun die Bodybuilderin namens Vic kennen. Während Vics Auftritt für die Protagonistin einer ‚gottgleichen Erscheinung‘ gleicht, beschreibt Ferhat Vic als „ein richtiges Tier“. Für einen kurzen Moment bewundert die Protagonistin die Bodybuilderin auf eine romantische, erotische Weise, doch diese Faszination schlägt schnell in Konkurrenzdenken um. Will ich Vic oder will ich Vic sein? Verena Keßler beschreibt detailliert, was die Protagonistin tut, um mit Vic mithalten zu können. Sehr detailliert. Püriertes Hähnchen, Fisch, rohe Eier, ein Proteinshake aus Fasern und Zellen. Ich verzichte auf nähere Beschreibungen. Die Obsession mit Essen in der Fitness-Szene verlagerte sich auch auf Keßlers echtes Leben: „Irgendwann wusste ich einfach, wie viel Protein Harzer Käse hat.“
Ist die Entwicklung der Protagonistin doch viel mehr ein detailliertes Abbild davon, wie aus Passion Wahnsinn wird? Ist der Roman vielleicht doch viel mehr ein Abbild des echten Lebens und kein ,Horror‘, wie im Netz oft behauptet wird?
Statt dem Roman ein Gattungs-Label aufzudrücken, wollte Keßler mit „Gym“ Tabus brechen. Meiner Meinung nach ist ihr das absolut gelungen. Ich glaube, dass meine Interpretation des Romans den Diskurs rund um „Gym“ um eine neue Perspektive bereichert. Statt die Protagonistin einfach als wahnsinnig abzutun, möchte ich im Folgenden meine Gedanken dazu erläutern.
Was unvorteilhafte Buchcover und unbequeme Frauen gemeinsam haben? Sie gefallen nicht allen
Ich recherchierte im Vorhinein und las viele Rezensionen zum Buch. Viele davon gehen in Richtung: „Das Buch war klasse, aber die Protagonistin ist eine Wahnsinnige und das Cover gefällt mir nicht“. Als ich Keßler frage, wie sie es findet, dass das Cover so oft thematisiert wird, rechne ich nicht mit ihrer sehr pragmatischen Antwort. „Ich weiß nicht, ob es ein Cover gibt, welches allen gefällt.“ Ich frage, ob auch sie denkt, dass das etwas mit dem Motiv zu tun haben könnte. Sie antwortet: „Das Unvorteilhafte ist letztendlich das, was mir an dem Cover so gut gefällt.“ Mir auch. Und genau deshalb ärgert es mich, dass sich manche Menschen anscheinend daran stören.
Keßler erzählt mir außerdem, dass sie „Gym“ so schrieb, dass die Identifikation mit der Protagonistin am Anfang noch einfacher möglich ist. Doch irgendwann bietet das Buch immer weniger Stellen, die ,Mitgefühl‘ auslösen können. Ziel erreicht, würde ich sagen. Zumindest bei den meisten Leser:innen. Bei mir fehlt es bis zum Ende nicht am Verständnis. Anfangs schäme ich mich für diesen Gedanken etwas, doch ziemlich schnell komme ich zum Entschluss, dass ich das nicht muss.
Kurz gelacht, dann an den Gender-Pay-Gap gedacht
Der Punkt, dass „Gym“ feministische Stellen beinhaltet, wird zwar kurz von der Autorin thematisiert, doch was bei den meisten Leser:innen letztlich bleibt, ist der Konsens, dass der Roman der Gattung ,Horrorliteratur‘ zugeordnet werden kann. Und das finde ich so offensichtlich paradox. Natürlich ist das Verhalten der Protagonistin problematisch und an dieser Stelle ist auch der Disclaimer angebracht, dass ich das Buch nicht gelesen habe. Meine beschriebenen Eindrücke beziehen sich rein auf die Lesung. Doch der Gedanke, dass man so wenig über das Leben der Protagonistin weiß und dieses Wissen dennoch reicht, um sie als wahnsinnig abzustempeln, macht mich wütend. Ich glaube außerdem: Selbst wenn man mehr über die Ursachen ihres Verhaltens wüsste, würde das nichts an diesem Bild ändern, weil es den Menschen schlicht egal wäre. Es ist einfacher, ihr diesen Stempel aufzudrücken, als Verständnis aufzubringen. Und genau das macht mich wiederum wahnsinnig.
Und dann ist da noch der Fitnessstudioinhaber Ferhat, der kollektiv als lustiger Charakter gefeiert wird, während sein problematisches Verhalten (zumindest in den Online-Rezensionen) kaum eine Rolle spielt. Ich lache auch über Ferhat. Aber nicht, weil ich es lustig finde, dass er die Protagonistin als ,zu fett‘ für die Theke des Fitnessstudios hält und sie dennoch einstellt, weil er sich als Feminist inszeniert. Ich lache, weil ich weiß, dass es Menschen gibt, die Ferhat deshalb als Helden sehen. Und das alles, während Frauen in Deutschland im Schnitt immer noch 16 Prozent weniger pro Stunde verdienen als Männer (Stand 2025). Valide also, dass die Protagonistin Männer nicht ernst nehmen kann. Oder?
100 Prozent (ein schlechtes Gewissen)?
Ich schreibe sehr provokant über die ‚Zielstrebigkeit‘ der Protagonistin. Das mache ich bewusst. Denn ich habe das Gefühl, dass der Wunsch, (immer) die Beste im Raum sein zu wollen, als das große Problem verstanden wird. Aber was ist so schlimm daran, 100 Prozent gegeben zu haben und sich über die Erfolge zu freuen? God forbid a woman has goals and dreams! 😉 Meiner Meinung nach liegt das Problem nicht im Ziel der Protagonistin, sondern in den Mitteln, die sie nutzt, um es zu erreichen. Und ich denke, darin wird man sich am ehesten einig: Eine vorgetäuschte Schwangerschaft gehört nicht zu den Mitteln, die moralisch vertretbar sind.
Und trotzdem kommt nach der Lesung ein kurzes Gefühl von Scham in mir auf. Spätestens als ein älterer Herr mir ein Kompliment für mein „schönes buntes Outfit“ macht, fühlt es sich an, als hätte ich mir zu viel Mühe gegeben. Zu viel Raum eingenommen. Doch schon auf dem Nachhauseweg ist dieses Gefühl weg und ich bin froh, dass es weg ist.
Ich glaube nicht, dass dieser Gedanke – „Ich darf nicht alles geben, sonst bin ich zu viel“ – das ist, was vom Buch hängenbleibt. Das ist meine ganz persönliche Interpretation. Für die meisten ist „Gym“ vermutlich einfach eine fiktive Geschichte über eine wahnsinnige Frau. Aber wer länger über sie nachdenkt, davon bin ich überzeugt, findet darin schnell Aspekte aus dem eigenen Leben. Und vielleicht gibt man der namenlosen Protagonistin für einen kurzen Augenblick den eigenen Namen und fragt sich, ob man ihr nicht doch ähnlicher ist, als man zugeben möchte. Als mir das passiert, merke ich, dass ich zwar viel Verständnis für sie habe, aber darüber hinaus haben wir nicht wirklich viel gemeinsam. Ich bin sehr froh, dass ich mir dessen bewusst werde und auch, dass ich „Gym“ auf meine eigene Weise verstanden habe. Und ich kann es wirklich nur jedem empfehlen, es auch mal zu versuchen. »bak«



