„Wer verstehen will, warum Wuppertal so ist, wie es ist, der muss hierhinkommen“

200 Jahre Industriegeschichte auf 1130 Quadratmetern Ausstellungsfläche

Das Wuppertaler Museum für Frühindustrialisierung eröffnete Anfang Mai nach acht Jahren Umbau und freut sich seitdem über steigende Besucher:innenströme und positives Feedback. Rauminszenierung mit Aha-Effekt, Barrierefreiheit, weniger Text und mehr Entdeckungslust – Museumsdirektor Lars Bluma erzählte blickfeld, warum jeder und jede das Museum besuchen sollte.

Museumsdirektor Dr. Lars Bluma - Foto: eg

blickfeld: Herr Bluma, wie konzipiert man eigentlich so ein Museum?

Lars Bluma: Ein Museum zu machen ist natürlich etwas ganz Eigenständiges. Drei Elemente müssen dabei zusammengebracht werden: die Geschichte, die Exponate und der Raum. Zunächst stellt sich die inhaltliche Frage, was wollen wir überhaupt erzählen? Das große Narrativ war bei uns natürlich Wuppertal als Pionierregion der Industrialisierung auf dem europäischen Kontinent, vor allem aus der sozial-historischen Perspektive. Bei uns erfahren die Besucher:innen nicht im Detail, wie die jeweilige Maschine funktioniert, sondern welche Wirkung sie auf die Gesellschaft hatte. Als zweiten Schritt fängt man an, immer mehr ins Detail zu gehen und die Ausstellungstexte aufzuschreiben. Außerdem müssen die Exponate ausgewählt werden. Wir sind dafür durch die Magazine gegangen und haben in jeden Karton geschaut, ob etwas für die Ausstellung in Frage kommt. Nur ein Bruchteil unserer Sammlung ist nämlich in einer digitalen Datenbank verzeichnet. Der letzte Schritt ist, dass alles in einem Raum zu arrangieren, nachdem bisher nur auf Papier geplant wurde. Man weiß also erst zur Eröffnung, wie ein Raum wirklich wirkt.

Eindrücke aus der Ausstellung – Foto: eg

blickfeld: Haben Sie das alles selbst gestemmt?

Lars Bluma: Wir sind kein großes Team hier und haben die Neukonzeptionierung zu viert oder zu fünft neben all den anderen Aufgaben gemacht, also waren wir eigentlich acht Jahre im Ausnahmezustand. Das waren acht Jahre Herausforderungen und Überraschungen, aber am Ende ist es schön, das Ergebnis zu sehen und wir sind sehr stolz darauf. Die Meldungen von den Besucher:innen sind positiv bis begeistert, manche haben gar nicht damit gerechnet, dass dieses Museum so aussehen kann. Ich glaube, das kann für die nächsten 10 bis 20 Jahre Bestand haben und für die Wuppertaler:innen, aber auch für die Touristikreisenden ein Anziehungspunkt werden.

blickfeld: Was ist jetzt wesentlich anders am Museum?

Lars Bluma: Unsere wichtigste Aufgabe ist der Bildungsauftrag, wir wollen also den Menschen wissenschaftlich und sachlich-fundiert Auskunft darüber geben, wie die Geschichte Wuppertals hier in der Frühindustrialisierung war und was man heute an Problemen und an Strukturen in der Stadt erkennen kann. Aber Museumsbesucher:innen zeigen natürlich nur dann Interesse, wenn sie auch unterhalten werden. Uns war wichtig, nicht einfach Vitrinen aufzustellen. Die Ausstellungsobjekte waren zum größten Teil zwar schon in der alten Dauerausstellung zu sehen, aber wir haben sie neu inszeniert: Jeder Raum bei uns soll ein Aha-Erlebnis auslösen, jeder Raum ist anders gestaltet und versetzt zunächst ins Staunen, um dann auf die Inhalte zu lenken. Durch eine multiperspektivische Erzählung im Media Guide, den wir ab Herbst haben werden, präsentieren Figuren aus einer Arbeiterfamilie, ein Unternehmer, Friedrich Engels und ein Ingenieur aus England ihre Sichtweisen auf einzelne Objekte. Barrierefreiheit war uns besonders wichtig, nicht nur nach DIN-Norm, sondern auch inhaltlich. Wir haben ein taktiles Leitsystem auf dem Boden und Taststationen überall im Museum verteilt. Der Media Guide wird auch leichte Sprache abrufen lassen, um zur Barrierefreiheit beizutragen.

Mein Lieblingsstück ist eine große Balancier-Dampfmaschine aus den 1850er Jahren

blickfeld: An einer Stelle verweisen Sie auf andere Industriedenkmäler der Stadt – welche Stationen empfehlen Sie denn?

Lars Bluma: Wuppertal hat eine der höchsten Denkmaldichten in Nordrhein-Westfalen und größtenteils sind das Industriedenkmäler. Wir haben versucht, alle Stadtteile abzubilden, zum Beispiel zeigen wir den Manuelskotten – das ist ein Schleifkotten im Kaltenbachtal, der von einem Förderverein betrieben wird. Wuppertal steht natürlich für Textilindustrie, aber wir hatten auch eine bedeutende Metallverarbeitungsindustrie und dieser Schleifkotten zeigt das. Die Müngstener Brücke, die vielleicht bald als Weltkulturerbe anerkannt wird, ist auch dabei, genauso wie „Knipex“ – ein Unternehmen, das noch existiert und produziert. Das heißt, die Industriekultur besteht nicht nur aus Denkmälern, die ihre Funktion verloren haben. Selbst „Vorwerk“ stammt aus der Textilindustrie und war ursprünglich eine Teppichfabrik. Aus der Maschinenabteilung heraus, wo die Webmaschinen hergestellt wurden, ist das Zukunftsunternehmen entstanden. Dieser Ausstellungsteil zeigt, dass die Industriekultur nicht an den Mauern des Museums endet, sondern, dass sich darüber hinaus sehr viel selbst in der Stadt entdecken lässt.

Eindrücke aus der Ausstellung – Foto: eg

blickfeld: Haben Sie ein persönliches Lieblingsstück in der Ausstellung?

Lars Bluma: Mein Lieblingsstück ist eine große Balancier-Dampfmaschine aus den 1850er Jahren, relativ jung. Sie stand in einem englischen Bergwerk und hat wahrscheinlich eine Pumpe angetrieben. Das ist nicht nur ein schönes Exponat, sondern erzählt auch eine schöne Geschichte des Übergangs. Die Geschichte der Frühindustrialisierung basiert vom ersten bis zum letzten Raum im Museum auf regenerativen Energien, vor allem auf Wasserkraft. Dass die Industrialisierung mit der Dampfmaschine angefangen habe, ist fest eingeprägt, aber das stimmt so nicht. Die Dampfmaschine hat eine neue Form der Industrialisierung initiiert, Industrialisierung 2.0. Dadurch, dass Maschinenantriebe möglich wurden, die nicht mehr auf Regenerative setzten, konnten die Fabrikstandorte unabhängig von Flüssen gewählt werden, Hauptsache, man bekam Steinkohle. Im Grunde genommen, schließen wir hier die Geschichte der Frühindustrialisierung ab und starten eine neue, die wir als fossilen Kapitalismus bezeichnet haben. Hier fängt im Grunde der Verbrauch von Steinkohle, Gas und Erdöl an,– also alles, was uns die Erderwärmung eingebrockt hat. Ich glaube, es lohnt sich immer wieder, auf die Frühindustrialisierung zurückzuschauen, die auf regenerative Energien gesetzt hat.

blickfeld: Können Sie einen Shortcut durch die Ausstellung empfehlen? Sie ist ja ziemlich groß…

Lars Bluma: Es hängt davon ab, wie man hier reingeht. Man kann natürlich eine schnelle Runde machen und sich nur die Highlights rauspicken. Es gibt aber tatsächlich auch Museumsbesucher:innen, die sich wirklich die Zeit nehmen, jeden Text zu lesen und über zwei Stunden bleiben. Es gibt nicht mehr den einen klassischen Museumsbesucher oder Museumsbesucherin und deswegen haben wir so viele Formen und Ebenen der Vermittlung eingesetzt, um vielen Menschen ein Angebot zu machen. Das war eben auch unser Ziel, dass man hier die Besuchenden nicht einfach in einer Stunde durchreicht, sondern dass er oder sie Lust bekommt, mit Familie oder mit Freunden wieder zu kommen. Wir haben die Anzahl der Texte und die Länge gegenüber der alten Ausstellung erheblich reduziert, da wir aus der Museumsforschung wissen, dass nicht mehr viel Text gelesen wird, darauf müssen Museen sich einstellen und keine riesigen Textschilder machen, die abschrecken, sondern lieber kurze Texte, die einen mitnehmen. Für alle, die sich weiterinformieren wollen, haben wir dann den Multimedia Guide mit Vertiefungsebenen.

Eindrücke aus der Ausstellung – Foto: eg

Mann kann seine Gegenwart und auch die Zukunft nur verstehen, wenn man seine Vergangenheit kennt

blickfeld: Warum sollte man ins neue Museum für Frühindustrialisierung kommen?

Lars Bluma: Da lässt sich dieser alte Spruch bemühen: Mann kann seine Gegenwart und auch die Zukunft nur verstehen, wenn man seine Vergangenheit kennt. Ich glaube, das ist immer noch richtig. Viele Dinge in Wuppertal erklären sich aus der Geschichte: Ob es jetzt um regenerative Energien geht oder ob man sich Gedanken macht, wie die Stadt sich sozial-historisch entwickelt hat. Warum gibt es Viertel, die wir heute als Problemviertel bezeichnen, warum gibt es Villenviertel – das sind alles historisch gewachsene Strukturen und der lange Schatten der Vergangenheit, der fällt heute noch auf diese Stadt, dem können wir nicht entkommen. Und da solche Veränderungen und Entwicklungen auf jahrhundertealten Pfaden geschehen, kann man nicht einfach einen Schalter umswitchen und sagen: Jetzt verändern wir mal die Stadt, wie wir es wollen. Eine Zukunftsfähigkeit entwickelt sich meiner Meinung nach nur, wenn man die Geschichte kennt, dann erschließt sich auch, wie man die Zukunft gestalten kann. Was in Wuppertal fehlt, ist eigentlich ein Stadtmuseum, denn unsere Geschichte (des Museums für Frühindustrialisierung A.d.R.) endet Mitte des 19. Jahrhunderts.

blickfeld: Ist der Besuch also ein Muss?

Lars Bluma: Ich finde ja! Für Wuppertal ist bei Tourist:innen natürlich sofort die Schwebebahn im Kopf. Erstes Muss ist mit der Schwebebahn zu fahren, zweites Muss ist an der Schwebebahnstation Adlerbrücke auszusteigen und zu uns ins Museum zu kommen. Wuppertal ist im Bewusstsein vieler Menschen auf die Schwebebahn reduziert, dabei ist das so eine so vielfältige, kulturell so ausdifferenzierte und interessante Entdeckerstadt. Es gibt noch so viel, was man nicht weiß und was man kennenlernen kann, auch in den einzelnen Stadtteilen mit ihrer eigenen Geschichte und ihrer eigenen kulturellen Vielfältigkeit. Ich hatte zum Beispiel dieses Jahr eine Gruppe von Freunden in Wuppertal zu Besuch, die eigentlich lieber an die Mosel gefahren wären. Aber die waren nach den drei Tagen hier vollkommen begeistert, sie haben Wuppertal in den drei Tagen lieben gelernt und das ist finde ich das Faszinierende an dieser Stadt: Sie ist unterbewertet in der Außensicht, aber wenn man da war, gehen die Herzen auch auf. Wer verstehen will, warum Wuppertal so ist, wie es ist, der muss hierhinkommen. »eg«

Das Interview führte Evgenia Gavrilova

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