„Die menschliche Wahrnehmung ist selektiv und fehlerbehaftet“

Vortrag des Umweltpsychologen Matthias Wanner des Wuppertal Instituts zum Thema Klimawandel und Psychologie in der börse

Fällt Euch ein konkretes Beispiel ein, wie sich die Natur in Eurem Wohnort in den letzten 10 Jahren verändert hat? Falls jetzt vor Eurem inneren Auge kein Bild erscheint, liegt das nicht an Eurer unterdurchschnittlichen Erinnerung. Wahrscheinlich aber auch nicht daran, dass sich nichts verändert hat. So standen in den meisten Waldgebieten vor 10 Jahren noch deutlich mehr Nadelbäume und schwirrten mehr Insekten herum. Im Rahmen der attac-Vortragsreihe Klima, Energie und Umwelt erklärte der Diplompsychologe Matthias Wanner am 3. November 2021, wieso wir ein verzerrtes, selektives Bild unserer Umwelt haben. Dieses Wissen erklärt, warum wir uns trotz Klimakrise so schwer damit tun, unser Verhalten zu ändern.

Matthias Wanner gewann in diesem Jahr den Forschungspreis „Transformative Wissenschaft“ – Foto: Wolf Sondermann

Was unseren Blick auf die Natur verzerrt

Wanner betont, dass die individuelle Wahrnehmung unserer Umgebung nicht der Realität entspricht. Der Mensch rücke die für ihn lebenswichtigen Informationen in den Fokus, die Kulisse verschwinde meist. Lebenswichtig sind beispielsweise akute Katastrophen, die tägliche Arbeit oder enge soziale Kontakte. Das Waldstück, welches wir eventuell am Wochenende zur Entspannung aufsuchen, verschwindet als Kulisse im Hintergrund.

Evolutionär bedingt sei der Mensch zudem sehr anpassungsfähig. Er gewöhne sich sowohl an verschiedenste Lebensräume und Klimazonen, aber – leider – auch an weniger Artenvielfalt, kleinere Waldgebiete und schlechtere Luft. Die Gewöhnungsphase wird durch eine neue Realität abgelöst. Diese wird nicht mehr hinterfragt und als normal empfunden.

Viele Veränderungen der Umwelt verliefen zudem eher langsam und unauffällig. Laut Wanner nimmt der Mensch aufgrund seiner angeborenen Sensorik Veränderungen jedoch nur wahr, wenn sie oberhalb einer gewissen Reizschwelle liegen. Diese Reizschwelle werde überschritten, wenn Unterschiede entsprechend groß oder intensiv seien oder zeitlich sehr nahe beieinander lägen. Beim gelegentlichen Waldausflug fällt tatsächlich nicht auf, wenn weniger Insekten als vor einem Jahr um uns herumschwirren. Jedoch sank das Insektenaufkommen in Deutschland innerhalb von 20 Jahren um 80 Prozent.

Wahrnehmungen verblassen

Nach Wanner werden jedoch auch bewusst wahrgenommene Eindrücke im Laufe der Zeit verzerrt. So würden genaue Zeiten und Daten schlechter erinnert als Ereignisse. Mit steigender Lebenszeit verschwänden zudem Zeitzeugen und ohne Dokumentation auch Informationen über frühere Zustände. Bei Fischern lasse sich dieser Effekt sowohl innerhalb der eigenen Lebenszeit als auch zwischen Generationen nachweisen: Verschwundene Arten würden nicht mehr erinnert. Wenn die frühere Realität jedoch nicht mehr erinnert wird, kann sich niemand für die Rückgewinnung früherer Zustände einsetzen.

Damit wir ein realistisches Bild von der Veränderung unserer Umwelt erhalten, schlägt Wanner vier Lösungen vor: Daten dokumentieren, Zeitzeugen befragen, positive Normalitäten visualisieren und Bescheidenheit zeigen. So könne zum Beispiel das Bild eines sauberen Flusses an eine bessere Normalität erinnern. Die Erkenntnis, dass wir unsere kognitiven Fähigkeiten oft überschätzen, sollte uns idealerweise dazu bringen, Wahrnehmungen genauer zu prüfen. Hier hilft der Abgleich mit über einen längeren Zeitraum dokumentierten Daten über unsere Umwelt.

Die Klimakrise zeigt sich immer krasser, warum fehlen angemessene Reaktionen?

Merkwürdig ist, warum Menschen trotz Realitäten wie der diesjährigen Hochwasserkatastrophen in NRW, die mehr als 180 Menschenleben kostete, keine Konsequenzen ziehen.

Wanner begründet dies mit zwei Zusammenhängen. Er nennt zuerst den strukturellen Lock-In: Wir seien in unseren selbst geschaffenen Strukturen gefangen. Die politische Entscheidung, Züge und Busnetze weniger gut auszubauen als das Straßennetz für PKW erschwere den sofortigen Verzicht auf das Auto.

Als Zweites nennt Wanner aus kognitiven Dissonanzen resultierende Vermeidungsstrategien. Neue Informationen, die unsere gewohnten Verhaltensweisen in Frage stellten, würden als Bedrohung betrachtet. Auf diese Bedrohung gebe es evolutionär drei Reaktionen: fliehen, totstellen oder kämpfen. Anstatt sich dem Klima-Kampf zu stellen und nach Wegen zu suchen, selbst CO2 einzusparen, würden Ausreden gesucht. Ganz nach dem Motto: „Wenn nur ich etwas ändere, ändert das nichts am weltweiten CO2-Aufkommen“. So würden klimaschädliche Gewohnheiten gerechtfertigt und die Etablierung besserer Alternativen verhindert.

Trotz der diesjährigen Hochwasserkatastrophe – hier in Wuppertal-Beyenburg – fehlt es an Konsequenzen in puncto Klimaschutz.

Kämpfen lohnt sich

Wir sind unseren verhängnisvollen Denkmustern jedoch nicht hilflos ausgeliefert. Im Kampf gegen das Totstellen oder Fliehen könne uns das Grundbedürfnis nach einem sinnerfüllten und authentischen Leben helfen. So könnten zukünftige CO2-Einsparungen und die dadurch erfolgende Regeneration der Natur ein gesünderes und positiveres Leben für alle ermöglichen. Wir müssen dabei keine Einzelkämpfer sein, sondern können uns vernetzen: Werden Veränderungen von einer Person vorgelebt, beeinflusst dies auch ihre engen sozialen Kontakte, erklärt Wanner. So würden wir Veränderungen am schnellsten übernehmen, wenn Sie in unserem eigenen Freundes- oder Kollegenkreis beginnen. Wir könnten mit Freund:innen und Partner:innen gemeinsam dafür kämpfen, die Klimakrise zu beenden. Hier helfen gemeinsame Visionen. Eine konkrete Vision wäre, unseren Kindern ein Klima zu ermöglichen, in dem Wälder und Flüsse noch existieren können. Aber auch unser eigenes Leben in Städten ohne Smog, mit sauberen Flüssen und grüner Natur wäre ein Lebensziel mit einer großen Sinnhaftigkeit, für das es sich zu kämpfen lohnt. »sg«

Weitere Informationen zur Veranstaltung

Referent: Matthias Wanner, Wuppertal Institut
E-Mail: matthias.wanner@wupperinst.org

Attac-Wuppertal ist eine Bildungsbewegung, die sich für eine „ökologische, solidarische und friedliche Weltwirtschaftsordnung einsetzt“: www.attac.de/was-ist-attac

Mit seinem Kooperationspartner ‚die börse‘ veranstaltet attac Wuppertal seit 20 Jahren kostenlose Vorträge und Kurse. Waren die Vorträge zu Anfangszeiten finanztechnisch geprägt, beschäftigen sie sich heute mit sozialökologischen oder -ökonomischen Fragestellungen. Im 1. Halbjahr 2022 sollen Themen, wie das Fliegen, das Gendern, die Verkehrswende in Wuppertal, die Wahrnehmung von Transformationsprozessen, sowie die Gestaltung einer zukünftigen Ökonomie behandelt werden.

Ansprechpartner: Dieter Boden
E-Mail: kontakt@attac-wtal.de
Homepage: attac-wtal.de

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  1. Dennis Halbach

    Passend dazu: Am Mittwoch 18:30 findet die nächste Ringvorlesung von AStA & Students for Future statt. Das Thema: „Psychologische Herausforderungen in der Bewältigung des Klimawandels“
    Zoom-Link auf der Instagram-Seite der Students for Future Wuppertal.

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