„Wuppertal tanzt“: Pina Open Air Galerie und die Kunst, Menschen zu bewegen

16 Murals, verteilt über ganz Wuppertal, machen das Wirken von Pina Bausch sichtbar und für viele Menschen greifbar. Die Kunstwerke wurden von 15 internationalen Künstlerinnen und Künstlern realisiert, die Valentina Manojlov im Rahmen ihres Projekts „Wuppertal tanzt“ in die Schwebebahn-Stadt holte. blickfeld-Redakteurin Lena Nemirowski sprach dabei nicht nur mit der Initiatorin über das Projekt, sondern berichtet auch über dessen Wirkung auf sie selbst.

Medianeras, Pina Portrait, Kohlenstraße 73 (Bezirk Langerfeld) - Foto: ln

Die Inspiration: Pina Bausch und ihr Tanztheater

Die Tänzerin und Choreographin Pina Bausch ist weit über die Grenzen Deutschlands hinaus mit Wuppertal verbunden und zählt zu den bedeutendsten kulturellen Symbolfiguren der Stadt. Das von ihr 1973 gegründete Tanztheater sorgte anfangs mit seinem innovativen Ansatz für Irritation und Empörung: Tanzstücke, die keine linearen Handlungen aufwiesen und persönliche Erfahrungen der Tänzer:innen in den Vordergrund stellten – das war zu der Zeit sehr ungewöhnlich.

Heute genießt das Tanztheater jedoch internationales Ansehen und Kultstatus. In Bauschs Arbeiten gehen Kunst und Alltag, Performance und Mensch Hand in Hand. Gerade darin liegt ihre außergewöhnliche Wirkung: Sie sind künstlerisch anspruchsvoll und trotzdem nah am Menschen und an den Erfahrungen des Alltags.

Eine wichtige Botschaft wird dadurch vermittelt: Kunst verliert durch menschliche Nähe nicht an Wert, sondern wird im Gegenteil dadurch gestärkt.

„Wuppertal tanzt“: Die Entstehungsgeschichte

Diese Botschaft greift Valentina Manojlov in ihrem Street Art Projekt „Wuppertal tanzt“ auf. Für sie ist es wichtig, eine Verbindung von Kunst, Mensch und Stadt zu erschaffen. Dabei wird die Stadt selbst zu einer Art Medium, zum öffentlichen Museum, dessen Exponate für jeden zugänglich sind.

„Wuppertal tanzt“ ist parallel zum „Urbanen Kunstraum Wuppertal“ (kurz: UKW), einem anderen Projekt von Valentina Manojlov, entstanden. Ziel war es, Menschen und verschiedene Quartiere der Stadt mitzunehmen.

„Was könnten wohl die Themen in Wuppertal sein?“, fragte sich Valentina in der Vorbereitungsphase: „Schwebebahn? Pina Bausch?“ Für Manojlov, die seit ihrem 16. Lebensjahr ein großer Pina-Fan ist, musste es etwas Großes und Bedeutungsvolles sein, etwas, was über die bloße Symbolik hinausgeht, etwas, was die weltberühmte Choreographin aus Wuppertal gebührend ehrt.

Aus dieser Überlegung heraus entwickelte sich „Wuppertal tanzt“ zu einem eigenständigen Projekt. „Da wir den UKW als Museum gedacht haben, war Pina Bausch somit unsere erste Sonderausstellung – wie es eben in Museen üblich ist“, erklärt Valentina.

Neugier auf Pina Bausch

Durch meine Recherche für einen früheren Artikel „WUPPERTAL TANZT. Pina Bausch Galerie: Die Hauswand ist die neue Tanzbühne“ habe ich bereits einiges über das Projekt erfahren. Doch das reicht mir nicht. Je mehr ich mich damit beschäftige, desto stärker wächst mein Interesse. Als ich Valentina in ihrem Büro in der Hünefeldstraße gegenübersitze, sage ich daher ganz offen: „Ich wusste, wer Pina Bausch ist, aber ich kannte ihre Werke nicht. ‚Wuppertal tanzt‘ verschaffte mir den Einstieg und hat mich neugierig auf mehr gemacht.“

„Das ist so schön, dass du das sagst!“, freut sich meine Gastgeberin. Es war nämlich genau ihr Ziel, mit dem Projekt Pinas Werk in der Stadt sichtbar zu machen, es in die öffentliche Diskussion zu bringen und so möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich damit auseinanderzusetzen.

Es sind im Rahmen des Projekts 16 Murals entstanden, die überall in der Stadt verteilt sind, entlang der Talachse, aber auch in den ruhigeren Wohngebieten, wie Cronenberg, Uellendahl-Katernberg, Heckinghausen, Langerfeld und Ronsdorf.

Nils Westergard, Pina Portrait (Tanztheater), Heinrich-Janssen-Straße 11 (Bezirk Heckinghausen) – Foto: ln

Pina-Galerie unter freiem Himmel

15 Künstler:innen aus 15 Ländern setzten sich mit Pinas Werk und Lebenslauf auseinander und präsentierten ihre Ergebnisse auf den Wuppertaler Fassaden.

„Ich habe keinen Künstler erlebt, der nicht würdevoll mit dem Thema umgegangen ist“, erzählt mir Valentina über den Entstehungsprozess. Ihre Augen leuchten, in ihrer Stimme liegt Wärme. „Mir ging es darum, über Pina Bausch zu erzählen, aber auch den Künstlern ihre Freiheit einzuräumen. Ich fand es spannend, welchen Zugang sie dazu finden.“

In der Tat erzählt jeder Pina-Mural seine eigene Geschichte:

Fat Heat macht das Tanzstück „Wiesenland“ (Kurfürstenstraße 135 & 137, Bezirk Ronsdorf) zum Gegenstand seines Murals, wobei er die farbenfrohe und emotionale Atmosphäre der Inszenierung in seinem comicartigen Stil einfängt.

Fat Heat, „Wiesenland“, Kurfürstenstraße 135 & 137 (Bezirk Ronsdorf) – Foto: ln

Anpu Varkey konzentriert sich ihrerseits auf die ikonische Performance des Tänzers Pau Aran Gimeno in Bauschs Stück „Bamboo Blues“ (Rembrandtstraße 5, Bezirk Vohwinkel). Ein Mann, der wie Gimeno im Kleid tanzt, ist ein wiederkehrendes Motiv in Pina Bauschs Werken und ein Sinnbild für das Infragestellen der klassischen Geschlechterrollen: Ein Mann in einem Kleid verliert nicht seine Männlichkeit, genauso wie eine Frau in einer Hose ihre Weiblichkeit nicht verliert.

Anpu Varkey, Pau Aran Gimeno in „Bamboo Blues“, Rembrandtstraße 5 (Bezirk Vohwinkel) – Foto: ln

Inti, ein Künstler chilenischer Herkunft, erschafft zwei Werke, die vom Tanzstück „Wie das Moos auf dem Stein“ inspiriert sind. Das erste Werk (Hastenerstraße 2, Bezirk Cronenberg) ist der chilenischen Folksängerin Violeta Parra gewidmet, deren Lied „Volver a los 17“ im Tanzstück vorkommt. Der Vers „como el musguito en la piedra, ¡ay, sí, sí“ (dt. „wie das Moos auf dem Stein“) gab dem Stück seinen Titel.

Inti, „Wie das Moos auf dem Stein“ Teil I, Bild von Violeta Parra, Hastenerstraße 2 (Bezirk Cronenberg) – Foto: ln

Das zweite Werk befindet sich auf der Kapelle des Evangelischen Friedhofs Krummacherstraße und schlägt damit eine poetische Brücke zu Pina Bauschs Leben. Sie ist dort begraben; die weltberühmte Choreografin aus Wuppertal starb am 30. Juni 2009 – genau 18 Tage nach der Uraufführung ihres letzten Tanzstücks. Dieses war „Wie das Moos auf dem Stein“.

Inti, „Wie das Moos auf dem Stein“ Teil II, Krummacher Straße 25 (Bezirk Elberfeld-West) – Foto: ln

Guido Palmadessas „Pina Portrait“ (Färberstraße 10, Bezirk Oberbarmen) befasst sich mit Pina Bauschs künstlerischem Werdegang an der Folkwang-Schule in Essen. Von 1955 bis 1958 studierte sie dort Tanz bei dem innovativen Choreografen Kurt Jooss und tanzte später, von 1962 bis 1968, als Solistin im Folkwang-Ballett. Aus diesem ging später das Folkwang-Studio hervor, dessen Leitung Bausch 1969 als Nachfolgerin von Jooss übernahm. Gleichzeitig begann sie, an der Folkwang-Schule als Dozentin zu unterrichten. 1973 wechselte sie nach Wuppertal, wo sie ihr Tanztheater gründete.

An der Folkwang-Schule lernte Pina Bausch auch ihre erste Liebe kennen: den Kostüm- und Bühnenbildner Rolf Borzik, der bis zu seinem Tod im Jahr 1980 die Produktionen des Tanztheaters maßgeblich mitgestaltete.

Guido Palmadessa, Pina Portrait (Folkwang), Färberstraße 10 (Bezirk Oberbarmen) – Foto: ln

Die Werke, die bewegen

Je mehr Murals ich besuche, desto deutlicher zeichnen sich für mich drei Motive ab. Manche erzählen von konkreten Tanzstücken. Andere rücken die Menschen, Tänzer und Sänger in den Mittelpunkt, die Pina Bauschs Werk geprägt haben. Wieder andere zeigen die Choreographin selbst.

Ich war inzwischen bei jedem der 16 Murals und habe dort meine eigenen Geschichten erlebt, die Künstler:innen kennengelernt und bin mit den Anwohner:innen oder einfach nur kunstbegeisterten Menschen ins Gespräch gekommen. Auch Freunde aus anderen Städten, die zuvor kaum Berührungspunkte mit Pina Bausch hatten, ließen sich von den Murals begeistern. Und ich selbst habe mich inzwischen mit Pinas Stücken nicht nur auf den Fassaden auseinandergesetzt.

Am Ende unseres Gesprächs zitiert Valentina den berühmten Satz von Pina Bausch: „Mich interessiert nicht, wie sich die Menschen bewegen, sondern was sie bewegt.“ Und mir wird klar, was Pina Bausch und Valentina Manojlov gemeinsam haben: Für sie beide stehen die Menschen und ihre Emotionen im Mittelpunkt der Kunst.

Lena Nemirowski (l.) und Valentina Manojlov (r.) – Foto: ln

Vielleicht liegt genau darin die besondere Stärke von „Wuppertal tanzt“. Die Murals zeigen nicht nur Pina Bauschs Werk – sie berühren einen auf einer emotionalen Ebene und wecken Neugier auf mehr. Bei mir haben sie es jedenfalls geschafft. »ln«

Förderung und Projektinformationen

Das Projekt „Wuppertal tanzt“ wurde von Valentina Manojlov entwickelt und durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), Helge Lindh MdB sowie die Pina Bausch Foundation unterstützt.

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