Don Karlos im Düsseldorfer Schauspielhaus

Wenn die Weihnachtszeit naht und einem die Dauerbeschallung mit Last Christmas und Winter-Wonderland auf den Zeiger geht, dann ist es Zeit, sich ins Düsseldorfer Schauspielhaus aufzumachen und – wie ich – die Vorpremiere von Don Karlos anzuschauen.

Titelfoto: Thomas Rabsch

Zugegeben, nicht nur die Weihnachtsunlust trieb mich hin, sondern auch die Tatsache, dass ich dieses Jahr meine Masterarbeit im Fach Germanistik über Schillers Don Karlos und Star Wars schrieb. Natürlich kam die Gelegenheit, das Stück endlich auf der Bühne zu sehen, gerade richtig, um das Masterstudium mit einem genussvollen Abend abzuschließen.

Auch zugegeben: Die von Alexander Eisenach verwendete Textfassung muss eine der weniger gekürzten gewesen sein – das Stück ist ausgesprochen textlastig. Von den unzähligen Karlos-Ausgaben habe ich in meiner Masterarbeit die Hanser-Ausgabe, die auf der Leipziger Ausgabe von 1801 basiert, verwendet. Hier hat Schiller schon mehr als 400 Verse der ursprünglichen Ausgabe von 1787 gekürzt. Auf jeden Fall konnte ich einer Menge neuer Verse hören.

Foto: Thomas Rabsch

Das Düsseldorfer Schauspielhaus

Das Düsseldorfer Schauspielhaus ist in den letzten Jahren renoviert worden, weswegen das Ensemble zunächst dauerhaft in das nahe dem Hauptbahnhof gelegene Central umziehen mussten. Hier habe ich schon die verschiedensten Stücke gesehen – eine 1-Mann-Aufführung von Thomas Manns Felix Krull, Goethes Faust und In 80 Tagen um die Welt in einer quietschbunten Version. Heute verfügt es über ein wunderbares Ensemble von Schauspielern, die eine große Bandbreite von Rollen verkörpern können.

Da ich aktuell knapp bei Kasse bin, habe ich nur die Möglichkeit, die Voraufführung des Don Karlos für einen Kartenpreis von € 9,70 anzuschauen. Was erwartet einen hier anderes als bei der Premiere? Es ist quasi eine Generalprobe, sodass noch nicht alles ‚perfekt sitzt‘. Aber gerade das hat einen ganz besonderen Reiz: Wenn beispielsweise die Schauspieler einen ‚Hänger‘ haben und nach dem Text fragen oder eine Schauspielerin mit verletztem Fuß auf Krücken ihre Rolle spielt, dann entsteht eine Authentizität, die bei einem perfekt einstudierten Stück nicht mehr zu finden ist. Es sind eben echte Menschen, die dort auf der Bühne stehen, keine Maschinen oder Fernsehdarsteller, die jede Szene zigmal durchspielen können, bis sie sitzt. Der Fehler ist es, der das Ganze aufregend und sympathisch macht.

Foto: Thomas Rabsch

Schillers Don Karlos in einer Inszenierung von Alexander Eisenach

Aber wie ist nun das Stück selbst? Das Bühnenbild von Daniel Wollenzin ist eine Alu-Konstruktion mit vielen Freiflächen, bei der oben eine schräge Ebene aus Plexiglas aufgebracht ist, auf welcher die Schauspieler größtenteils agieren. Darauf wird geklettert und gesprungen, was das Zeug hält. Zusätzlich gibt es einen Turm in ähnlicher Bauweise. Das Ganze wirkt angenehm reduziert mit wenigen schnörkeligen Elementen, wie beispielsweise der Kronleuchter unten im Turm, der den Audienzsaal Philipps repräsentiert, sein Thron und weitere – im Laufe des Stücks auftauchende – rote Elemente. Das Bühnenbild wird nach der Pause zu einem Stern umgebaut, in dessen Mitte der Turm steht.

Foto: Thomas Rabsch

Die Kostüme von Lena Schmid sind farblich größtenteils auf schwarz reduziert, vom Schnitt her allerdings historisch, was eine ungemeine Spannung aufbaut und einen besonderen Reiz ausmacht. Diese Farbgebung in schwarz-weiß mit roten Elementen erinnert an den Film Sin City, der seinerseits Anleihen im Film Noir nimmt.

Die herausragenden Darsteller erfüllen das textlastige Stück mit Leben. Es gab Momente, in denen ich die Luft anhielt, weil es so spannend war. Klar, ein Dialog wie in Akt 3, 10. Szene ist nicht leicht zu spielen, wenn es keine Handlungsanweisung gibt, sondern hauptsächlich Darlegung von zwei verschiedenen Meinungsäußerungen. Dies wird im Stück mit einem roten Tuch aufgelockert, mit dem Posa und Philipp ‚tauziehen‘.

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Die Darstellung des Philipp von Wolfgang Michalek ist meiner Meinung nach etwas laut geraten – die Figur ist doch eher ruhig, und wirkt gerade deswegen so gefährlich. Königin Elisabeths viele Facetten werden von Schauspielerin Lea Ruckpaul hingegen herausragend dargestellt: einerseits mimt sie die edle Königin, hinter Philipps Rücken schmiedet sie jedoch Pläne für seine Absetzung und Karlos’ Thronbesteigung.

Auch die Figur des Posa ist toll besetzt. Andrè Kaczmarczyk spielt den charismatischen Freiheitskämpfer, der von der Macht verführt wird. Vom Aussehen her ist es genau Posa – lediglich seine Bühnenpräsenz steht hinter Philipps lautem Auftreten und Karlos gefühligem Wesen etwas zurück. Sein Anliegen ist zu wichtig, als dass es nicht hier etwas mehr Stärke forderte.

Foto: Thomas Rabsch

Alba und Domingo, die niederträchtigen Helfer des Königs, werden ausgezeichnet von Sebastian Tessenow und Alexej Lochmann, der mich sehr an Sam Tarly aus Game of Thrones erinnert hat, dargestellt. Alba wirkt niederträchtig und böse – wobei hier gewisse kuriose Elemente der Figur eine Albernheit verleihen, die diese so nicht hat: Der Tanz mit einem großen roten Gummiball oder sein Auftritt in roten Engelsflügeln wirken komisch, nehmen zudem aber der Figur die Ernsthaftigkeit und geben ihr etwas Lächerliches. Dies sind Elemente, die dem ganzen Stück innewohnen: das ernste Thema aufzulockern durch einen Hauch von Albernheit und Blödsinn. So wälzt sich der todgeweihte Posa in einer eigens ausgekippten Flasche Kunstblut, werden die Kugeln, mit denen Posa erschossen wurde, von den Darstellern fußtretend durch die Gegend geschnippt und liest Philipp aus einem Brief Karlos’ an Elisabeth „Mein Schlüpfer und dein Schlüpfer – zusammen in der Waschmaschine.“ Ein Vers, den ich aus Schillers Text ebenfalls noch nicht kannte.

Foto: Thomas Rabsch

So kommen wir schließlich zur Hauptfigur: Karlos ist im Verlauf von Schillers Drama immer mehr hinter Posa und Philipp zurückgetreten. Das ist schade für diese Aufführung, denn sie hat einen weit besseren Karlos, als sie einen Philipp oder Posa hat. Jonas Friedrich Leonhardi spielt den Karlos zunächst mit der nötigen Gefühlsgewalt. Man merkt ihm seine Hin- und Hergerissenheit zwischen Freiheitskampf und Liebe zu Elisabeth sowie sein Übermaß an Gefühlen nahezu körperlich an. Später, nach Posas Tod, wandelt sich die Figur und übernimmt sozusagen dessen Rolle. Auch diesen Spagat stellt Leonhardi sehr gut dar. Karlos ist zum Ende hin gefasster – natürlich entsetzt von Posas Tod, aber er will nun seine Rolle als Königssohn wahrnehmen und nicht mehr seiner verlorenen Liebe hinterherlaufen.

Natürlich gibt es auch Wehrmutstropfen: So sehr es mich begeistert, dass die Figur des Großinquisitors – ähnlich wie der Imperator in Star Wars zunächst – von einer Frau (Karin Pfammatter) verkörpert wird. (Und wer hier etwas anderes behauptet, sieht sich bei Star Wars die unsäglichen Remastered Editions von 1997 an.) Leider nimmt die reduzierte Darstellung in Hose und Pulli sehr viel von der abgrundtiefen Boshaftigkeit weg. Auch die Blindheit der Figur wird nicht dargestellt. Hier hätte ich mir ein wenig mehr von der Intensität gewünscht, die bei einer Elisabeth oder einem Karlos gezeigt wird. Denn dies ist die Figur, die letzten Endes das ganze Geschehen lenkt, auch wenn sie nur diesen einen kurzen Auftritt hat. Auch die unsäglichen Lichtinstallationen, bei denen man kaum auf die Bühne sehen kann, irritieren etwas.

Foto: Thomas Rabsch

Wie informiere ich mich und wie bekomme ich eine Karte?

Wer nun das Stück sehen möchte oder sich über andere Veranstaltungen des Düsseldorfer Schauspielhauses informieren möchte, dem sei die Internetseite ans Herz gelegt. Wer allerdings eine Karte kaufen möchte und, wie ich, keine Kreditkarte besitzt, dem sei www.eventim.de angeraten. Hier kann man auch eine Saalplanbuchung vornehmen und sich den gewünschten Sitzplatz selbst aussuchen.

Meine nächste Vorstellung ist ebenfalls bereits gebucht: Ich werde mir im Januar die Bühnenfassung von Orwells 1984 anschauen. »jm«

Die nächsten Aufführungen von Don Karlos im Düsseldorfer Schauspielhaus

  • Sa, 12.01. / 19:30 – 23:00
    Im Central (Worringer Straße 140) // Central Große Bühne
  • Fr, 18.01. / 19:30 – 23:00
    Im Central (Worringer Straße 140) // Central Große Bühne
  • Mi, 23.01. / 19:00 – 22:30
    Im Central (Worringer Straße 140) // Central Große Bühne
  • Fr, 08.02. / 19:30 – 23:00
    Im Central (Worringer Straße 140) // Central Große Bühne
  • So, 17.02. / 16:00 – 19:30
    Im Central (Worringer Straße 140) // Central Große Bühne

Informationen/Links:

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  1. Anton Schulz

    Eine Kritik über eine Generalprobe zu schreiben…naja.
    Vielleicht doch lieber die Premiere gucken.
    Eine Probe ist eine Probe. Eingehens Fehler und Unstimmigkeiten als reizvoll und authentisch bezeichnen, dann aber über etwas schreiben, was so nicht mehr zu sehen sein wird, um dann doch Dinge zu beschreiben, die einem persönlich nicht gefallen haben. Das ist auch legitim, aber dann vielleicht über die finale Inszenierung!
    Diese Veröffentlichung wird anderen Menschen als Orientierung dienen, für eine Aufführung die es so gar nicht mehr gibt!

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