Anne Will: „Journalismus ist kein volkspädagogisches Aufklärungsseminar“

Im Rahmen des ZEIT Campus Talks stellte sich ARD-Moderatorin Anne Will den Fragen von Manuel J. Hartung, dem Ressortleiter CHANCEN der ZEIT und Herausgeber von ZEIT CAMPUS. Vor über 400 Zuhörern erklärte sie an der Bergischen Universität Wuppertal ihre Sichtweisen zu aktuellen politischen Entwicklungen. Dabei nahm sie unter anderem Bezug auf die US-Wahl und auf die Kritik an der Gästeauswahl ihrer vergangenen Sendung. Auch einen etwas persönlichen Einblick gewährte sie ihrem Publikum.

„Die Universität ist ein geeigneter Ort zur Auseinandersetzung und Diskussion mit der Politik.“ So begann Rektor Lambert T. Koch seine Ansprache und eröffnete damit die Podiumsdiskussion in Hörsaal 32. Von Studierenden bis Senioren – Interessierte jeden Alters kamen zu der Veranstaltung. Aufgrund des großen Zuhöreransturms wurde das Gespräch zusätzlich im benachbarten Hörsaal per Livestream übertragen.

US-Wahl hinterlässt viele Fragen – auch bei Will

Hartungs Einstiegsfrage forcierte das US-Wahlergebnis: Die 50-jährige Journalistin teilte seine „Oh my god“-Reaktion und erzählte, dass sie die Wahl live bei dem amerikanischen TV-Sender CNN verfolgte. Trumps Wahlspruch „Make America great again“ zeige, dass Trump mit diesem Slogan eine rückwärtsgewandte Politik verfolge. Sie hatte Trumps Wahl wie auch den Brexit zuvor für unmöglich gehalten. Dennoch rief das Wahlergebnis bei ihr viele Fragen hervor: Beispielsweise, was Trumps Wahl für Europa und die ihr nach vorherrschende „längst grassierende europäische Wut“ bedeutet. Damit zielte sie auf die zunehmenden populistischen Strömungen in der Politik ab. Will sagte auf Deutschland bezogen: „Alle fühlen sich bestärkt, unsere liberale Gesellschaft in Zweifel zu ziehen.“

Dann lenkte Hartung das Gespräch auf Wills vergangene Sendung. Das Thema: „Mein Leben für Allah – Warum radikalisieren sich immer mehr junge Menschen?“ Das mediale Echo auf die ARD-Talkshow Anne Will am Sonntag, den 6. November 2016, war groß. Grund dafür war die Gästeauswahl der Redaktion. Vor allem die Muslima Nora Illi vom Islamischen Zentralrat der Schweiz (IZRS) geriet aufgrund ihrer Vollverschleierung und ihrer radikalen Aussagen zur Auslegung des Islam in die Kritik.

Im Gespräch mit Hartung bezog Will Stellung zu der vielfachen Kritik an ihrer Sendung. So bekundete sie, dass sie von der medialen Aufregung überrascht gewesen sei. Ihrer Redaktion sei im Vorfeld bewusst gewesen, dass Illis Auftreten für Aufruhr in der Bevölkerung sorgen würde. Doch erklärte sie auch, dass ihre Sendung im Kontext zum vorangegangen Kieler Tatort Borowski und das verlorene Mädchen stand und „Gäste wie Nora Illi vor diesem Hintergrund vertretbar“ seien. „Wenn es auch nur eine Familie gibt, die jetzt weiß, was mit ihrer Tochter los ist, war die Sendung goldwert“, verteidigte Will ihr Konzept.

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Will als TV-Moderatorin: „Man muss zu allem eine Haltung haben.“

Die Frage, ob ihre ARD-Talkshow nicht eine Art „Ersatz-Parlament“ sei, verneinte Will. So wären dafür fünf Politiker pro Show erforderlich. Will betonte: „Meine Show ist kein volkspädagogisches Aufklärungsseminar und so habe ich den Journalismus auch nie verstanden.“ Sie appellierte an die klassischen journalistischen Mittel, welchen eine saubere Recherche und Abwägung zugrunde liegen. „Man muss zu allem eine Haltung haben. Die Kunst ist, sie nicht durchscheinen zu lassen“, so Will zu ihrer Rolle als TV-Moderatorin.

Anne Will gewährte auch einen persönlichen Eindruck, als Hartung sie auf ihre Zeit als Studentin ansprach. So offenbarte Will, dass sie ihr Studium mit Germanistik im Hauptfach begann, bevor sie dieses gegen Geschichte eintauschte. Grund für den Wechsel sei unter anderem das Auftreten eines unsympathisch wirkenden Germanistikprofessors während einer Einführungsveranstaltung gewesen. Will ermutigte auch alle anwesenden Studierenden nicht vor einem Wechsel zurückzuschrecken, wenn die Zweifel am Fach zu groß seien. „Wechsel machen die Biographien reicher“, sagte sie.

Mit dem stetigen Wunsch, Journalistin werden zu wollen, folgte sie dem Rat des bekannten deutschen Journalisten Dieter Kronzucker und studierte Fächer, die ihr Spaß machten. Kronzucker riet ihr, nebenbei im journalistischen Bereich zu arbeiten, um zusätzlich auch praktische Erfahrung zu sammeln. Auf die Frage, ob sie an Demos teilnehmen würde, sagte sie: „Eine Demo gehört zur Meinungsfreiheit und diese sollte man ergreifen.“ Zum Schluss widmete sie sich noch einigen Fragen aus dem Publikum – beispielsweise wie sie mit Kritik umgeht. Dazu sagte sie: „Gut und entspannt. Vorausgesetzt die Kritik ist konstruktiv.“

Wo sie denn studieren würde, wenn sie noch einmal 19 Jahre alt wäre? „Wuppertal – oder auch Freiburg“, antwortete Will mit einem Lachen. »sl«

Titelbild: Anne Will zu Gast an der BU Wuppertal © sl

Zur Person: Anne Will

Geboren 1966 in Köln studierte Will Geschichte, Politik und Anglistik in Köln und Berlin. 1999 moderierte sie als erste Frau die ARD-Sportschau. Ab 2001 moderierte sie die Tagesthemen und ab 2007 ihre eigene Talkshow Anne Will. 2002 bekam Anne Will die Goldene Kamera verliehen, 2006 den Deutschen Fernsehpreis für die „Beste Moderation Information“.

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