Kopf-an-Kopf-Rennen: Wer wird Wuppertals Oberbürgermeister/-in?

Laut einer repräsentativen Umfrage von Infratest dimap liegt Uwe Schneidewind, der gemeinsame Kandidat von Grünen und CDU, mit 44 Prozent knapp vor Amtsinhaber Andreas Mucke (SPD) mit 42 Prozent. Beide würden mit diesen Werten jeweils die absolute Mehrheit verfehlen, weswegen es am 27. September zur Stichwahl käme. Laut Auskunft der Stadt haben schon 42.000 Wuppertaler/-innen Briefwahl beantragt (Stand: 4. September 2020). Wahlberechtigt sind insgesamt 267.766 Menschen. Sie können sich über den Talomat, dem Wuppertaler Ableger des bekannten Wahl-O-Mat, zur OB-Wahl informieren.

Der Talomat ist ein ehrenamtliches Gemeinschaftsprojekt der Open Data Initiative Wuppertal (OpenDatal) in Zusammenarbeit mit zwei Studierenden der Bergischen Universität. Durch ihn erhalten die Wuppertaler Bürger/-innen die Möglichkeit, sich über die politischen Ziele der Oberbürgermeister-Kandidatinnen und -Kandidaten, die sich zum 13. September 2020 zur Wahl aufgestellt haben, zu informieren. Die Verantwortlichen betonen dabei, dass der Talomat keine Wahlempfehlung abgibt, sondern lediglich eine Orientierung bietet.

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30 Thesen bilden die Grundlage des Talomat

Nach dem Start des Talomat werden den Nutzer/-innen nacheinander 30 Thesen angezeigt, die sie mit „stimme zu“, „stimme nicht zu“, „egal/weiß nicht“ und „überspringen“ bewertet können. Thesen, die aus Sicht der Nutzer/-innen besonders relevant sind, können doppelt gewichtet werden. Die Thesen wurden aus eingereichten Forderungen und Vorstellungen der Bürger/-innen aus Wuppertal entwickelt und umfassen zahlreiche Themen, etwa Mobilität, Umwelt und Wohnen. Am Ende der Anwendung wird eine Übersicht der Übereinstimmungen der gewählten Positionen und der Stellungnahmen der Kandidat/-innen angezeigt. Alle Bewertungen können nachträglich geändert und der Talomat nach Belieben wiederholt werden. Zudem können in der Auswertung per Klick auf die Thesen alle Stellungnahmen der Oberbürgermeister-Kandidatinnen und -Kandidaten gelesen werden.

Wer steckt hinter dem Talomat?

Wir haben mit den Akteuren hinter dem Talomat, Pia Michnik (29, Master in Public Interest Design), Marvin Link (25, ab Oktober Master in Public Interest Design) und Christopher Reinbothe (36, Kommunikationsdesigner und OpenDatal-Gründer und -Mitglied), über die Realisierung des Projektes gesprochen.

Studentin Pia Michnik © Michnik
Student Marvin Link © Link
OpenDatal-Gründer Christopher Reinbothe © Reinbothe

Woher kennt ihr euch und wie seid ihr zum Talomat gekommen?

Pia: So richtig kannte man sich vorher nicht, wir hatten in unserem Bachelor-Studium aber ein paar Seminare zusammen. Über einen gemeinsamen Dozenten wurden wir dann von OpenDatal angefragt, den Talomat zu dieser Wahl zu übernehmen. Christopher war, als OpenDatal-Gründer und -Mitglied, von da an unsere Schnittstelle und hat uns gleichermaßen bei der Arbeit unterstützt und beraten.

Was hat euch motiviert, den Talomat umzusetzen?

Pia: „Ich denke, dass für mich ein großer Faktor dabei das Studium war. Ich habe in Seminaren mehrfach mit Ehrenamtler/-innen und sozialorientierten Organisationen oder Initiativen Projekte realisiert. Dabei stand, neben der Aneignung von gestalterischen und technischen Fähigkeiten, immer der Mehrwert für die Nutzer/-innen im Vordergrund. Man hat also als Designer/-in immer eine gewisse Verantwortung gehabt, ein benutzerfreundliches, hilfreiches oder praktisches Ergebnis zu erzeugen, welches einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft hat. Als ich gefragt wurde, den Talomat zu machen, habe ich nicht lange überlegt, da ich bisher noch keine Gelegenheit hatte, einen Beitrag im Bereich ‚politische Bildung‘ zu leisten und gerne neue Projekte umsetze.“

Marvin: „Für die Zeit zwischen Bachelorabschluss und Masterstudium hätte ich sowieso ein länger dauerndes Freizeitprojekt gesucht, um mich etwas zu beschäftigen und etwas Neues zu lernen – da kam die Talomat-Anfrage gerade recht. Großer Pluspunkt dabei war, dass es etwas für mich komplett Neues war und dass es ein ‚greifbares‘, benutzbares Ergebnis gibt. Der Wahl-O-Mat war für mich bei anderen Wahlen bisher immer eine große Wahlhilfe, deswegen war es für mich keine Frage, ob ich bei der Umsetzung des Talomat helfen möchte.“

Christopher: „Ich habe 2013 zusammen mit einigen anderen Leuten in Utopiastadt den ersten Open Data Day veranstaltet. Damals ging es vor allen Dingen darum, den Haushalt der Stadt zu visualisieren. Daraus ist dann durch regelmäßige Treffen und die Zusammenarbeit mit der Stadt die Open Data Initiative Wuppertal oder kurz OpenDatal geworden. Es war uns bei OpenDatal immer wichtig durch unsere Initiative Verwaltung und Politik für die Bürger/-innen verständlicher zu machen. Dazu gehören natürlich auch Wahlen, die gerade im Kommunalen oft erschreckend geringe Beteiligungen haben. Dieser Wahlmüdigkeit wollten wir entgegenwirken und deshalb haben wir 2014 den ersten Talomaten aufgebaut.“

Wie viel Zeit habt ihr investiert?

Pia: „Wir arbeiten seit Mitte Juni zu dritt kontinuierlich am Talomat sowie an allen dazugehörigen Medien, wie die Webseite, die Anwendung und unsere Social-Media-Kanäle. Aber auch die Kommunikation unseres Projektes sowie der Austausch mit allen Interessierten und den OB-Kandidat/-innen hat viel Zeit in Anspruch genommen. Das hat aber alles gut geklappt und wir konnten viel über E-Mails erledigen. Trotzdem hätten wir gerne eine Arbeitsphase, zusammen mit allen Interessierten, gemacht, bei der man zum Beispiel in einem Workshop gemeinsam über relevante Themen oder persönliche Interessen hätte sprechen können. Wegen Corona haben wir aber am Anfang des Projektes solche Arbeitsphasen nicht in unser Konzept aufnehmen können. Daher haben wir auch Kontakt mit der Lokalpresse aufgenommen, um einfach auch über dieses Medium unser Projekt vorzustellen. Als wir dann das Formular geschlossen haben, ging die meiste Zeit für das Übertragen und Sortieren der ganzen Einsendungen drauf. Die gesamte Arbeit am Talomat haben wir somit nach Feierabend oder Wochenende erledigt und konnten die einzelnen Aufgaben gemeinsam bewältigen. Allgemein haben alle Arbeitsphasen viel Aufwand gekostet, aber man hatte auch mal Tage, an denen man nur kurz E-Mails überprüft oder einen Beitrag auf Social-Media veröffentlicht hat.“

Marvin: „In der konkreten Umsetzungszeit habe ich ca. alle zwei Tage zwei Stunden investiert. Es war uns sehr wichtig, unsere eigens gesetzten Deadlines einzuhalten, weshalb es vor der Thesenübergabe an die OB-Kandidat/-innen und dem Talomat-Launch noch mal besonders arbeitsintensiv wurde und dementsprechend auch mal der halbe freie Tag drauf ging oder nach Job-Feierabend es sofort mit dem Talomat bis kurz vorm Schlafengehen weiterging.“

Könnt ihr sagen, wie viele Menschen den Talomat bislang genutzt haben?

Pia: „Die Talomat-Anwendung beinhaltet eine Einstellung, die es uns ermöglicht, die reinen Durchgänge zu zählen. Beim Abrufen und Ausführen der Anwendung werden mit Absicht keine IP-Adressen oder benutzerbezogene Daten gespeichert und können dementsprechend nicht zugeordnet werden. Das bedeutet, dass wir nur feststellen können, wie viele Durchgänge bisher insgesamt gemacht wurden. Heute (Stand: 3. September 2020) gegen 18 Uhr waren es 14.822 Durchgänge. Es werden vermutlich weniger Menschen den Talomat bis jetzt genutzt haben. Wir gehen also davon aus, dass diese Zahl sich daraus ergibt, weil die Nutzer/-innen immer mehrere Durchgänge gemacht haben, um zu schauen, wie sich die Auswertungen und Übereinstimmungen mit den Kandidat/-innen verändern. Denn gerade der individuelle Umgang mit dem Talomat und das ausprobieren der Bewertungsfunktionen ergeben noch mal zusätzliche Informationen, weil die Nutzer/-innen dadurch vergleichen können, bei welchen Themen oder Bewertungen die Positionen der Kandidat/-innen auseinander gehen oder übereinstimmen.“

Wird es etwas zu einer möglichen Stichwahl geben?

Pia: „Da wir über 900 Einsendungen erhalten haben, mussten wir natürlich auch alle einzeln durchgehen und nach Thema und Kategorie sortieren. Dabei haben wir alles systematisch geordnet und nach den erkennbaren Interessenschwerpunkten sortiert. Daraus konnten wir eine Top 100 ermitteln, die dann noch mal auf die 40 Thesen, die wir in den Katalog für die OB-Kandidat/-innen gesetzt haben, konzentriert werden konnten. Wir haben also noch mindestens 60 vorbereitete Thesen, die für eine mögliche Stichwahl verwendet werden können. Für diesen Fall würden wir dann einen weiteren Katalog mit Thesen, die im jetzigen Talomat noch nicht thematisiert wurden, erstellen. Das würde für die Nutzer/-innen also noch mal eine breitere Sichtweise auf die Positionen der beteiligten Kandidat/-innen bieten.“ »mw«

Weitere Informationen zum Talomat

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