Vom Zufall im Spiel und den Geschichten des Fußballs

Fußball ist ein Geschäft der Zahlen geworden. Laufwege werden vermessen, Wahrscheinlichkeiten berechnet, Entscheidungen simuliert. Bei der jüngsten Fußball-WM steckte sogar ein Bewegungssensor im Inneren des Balls, der jeden Kontakt, jede Drehung und jede Richtungsänderung registrierte. Und doch genügt manchmal ein abgefälschter Ball, um alle Modelle zunichtezumachen. Genau diesem Widerspruch widmete sich Christoph Biermann in seinem Gastvortrag im Rahmen der Vorlesung „Die Kultur des Fußballs“ an der Bergischen Universität Wuppertal.

Fußballspiel (Symbolbild) - Foto: Kampus Production / pexels

Spätestens mit dem 7:1-WM-Auftakt der deutschen Männernationalmannschaft (gegen Curacao) hatte der Fußball das Land wieder fest im Griff. Dass er längst auch vor den Hörsälen keinen Halt mehr macht, zeigte sich bereits seit Beginn des Semesters im Rahmen der literaturwissenschaftlichen Vorlesung „Die Kultur des Fußballs“ von Prof. Dr. Matías Martínez. Im Rahmen dieser war der Journalist und Fußballexperte Christoph Biermann zu Gast und mit ihm die Frage:

Wie viel Zufall steckt eigentlich im Spiel?

Zu Beginn des Vortrags machte Biermann deutlich, dass sich Fußball trotz aller Daten und Analysen nie vollständig berechnen lässt. Anhand von Gesprächen mit Trainern, Managern, Vereinsbesitzern und Mathematikern schilderte er, wie der Profifußball versucht, das Unvorhersehbare beherrschbar zu machen. Riesige Datenbanken erfassen inzwischen nahezu jede Aktion auf dem Spielfeld. Modelle wie die sogenannten „Expected Goals“ (xG) sollen Torchancen objektiv bewerten und aus Leistungen Wahrscheinlichkeiten ableiten. Diesen Kennzahlen widerspricht der Zufall, wie es unter anderem durch einen Videoclip von Lionel Messi gezeigt wurde. Der wohl beste Spieler der Welt versuchte darin, einen gezielten Schuss gegen die Latte zu reproduzieren. Selbst ihm gelangen nur drei Treffer bei fünf Schüssen. Für jeden Amateur mag diese Erkenntnis banal erscheinen – gerade darin aber, so Biermann, wirke der Zufall. Kurz zuvor zeigte er noch einen Zusammenschnitt diverser und durch Zufall entstandener (Eigen-)Tore, die das Publikum zum Schmunzeln brachten. Seine Thesen untermalte er zusätzlich immer wieder mit Passagen, die er aus seinem zuletzt erschienenen Buch „Die Tabelle lügt immer. Über die Macht des Zufalls im Fußball“ vorlas. Außerdem stellte der Journalist das Konzept der „wahren Tabelle“ vor. Statt der tatsächlich erzielten Punkte werden dabei die aufgrund statistischer Werte zu erwartenden Punkte („Expected Points“) betrachtet. Für die Analyse einer Saison könne dies aufschlussreich sein. Doch Leistung und Ergebnis, so Biermann, müssten voneinander getrennt werden. Denn am Ende seien es weiterhin die Ergebnisse, die zählen und die Geschichten schreiben.

„Wir gucken dem Schicksal bei der Arbeit zu“

In der anschließenden Diskussion wurde die zentrale These des Vortrags zugespitzt. Zufällige Tore oder Fehler würden nur selten als Zufall akzeptiert werden. Im Unterschied zu vielen anderen Sportarten, so Biermann, spiele der Zufall im Fußball eine außergewöhnlich große Rolle. Zufällige Tore oder Fehler würden jedoch nur selten als solche akzeptiert werden. Stattdessen würden sie nachträglich erklärt und in größere Erzählungen eingebunden. „Wir gucken dem Schicksal bei der Arbeit zu“, fasste Biermann zusammen. Gerade darin liege die besondere Faszination des Sports.

Dass sich also ausgerechnet eine literaturwissenschaftliche Vorlesung mit Fußball beschäftigt, erscheint vor diesem Hintergrund nur logisch. Prof. Dr. Matías Martínez, der Veranstalter der Vorlesung, interessiert sich weniger für Taktiktafeln und Pressinglinien als für die Geschichten und kulturellen Ausdrucksformen des Spiels. Denn der Fußball produziert fortwährend Erzählungen, die weit über das Geschehen auf dem Platz hinausreichen. Abgefälschte Schüsse, Eigentore oder strittige Entscheidungen werden von Fans, Spielern und Journalisten immer wieder in größere Zusammenhänge eingeordnet und mit Bedeutung aufgeladen. Gerade diese Verbindung von Zufall und Erzählung machte den Vortrag von Christoph Biermann zu mehr als einer reinen Auseinandersetzung mit Daten und Statistik. »ab«

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