Anlässlich des Forschungs- und Editionsprojektes „Societies under German Occupation – Experiences and Everyday Life in World War II” fand in der Evangelischen Citykirche am Donnerstag, 29. Juni 2017, eine Lesung mit bisher unbekannten, zeitgenössischen Quellen zu den Lebensumständen unter Deutschland als Besatzungsmacht statt. Die Tagebucheinträge, Protokolle oder Briefe wurden von der Schauspielerin Anette Daugardt vorgelesen und gaben den Zuhörern einen Einblick in das alltägliche Leben von Menschen, deren Länder von deutschen Soldaten besetzt worden waren. Die Quellen stammten aus vielen europäischen Ländern, von Frankreich bis in die damalige Sowjetunion, und zeigten, dass in allen besetzten Ländern gemeinsame Erfahrungen gemacht wurden. 

(v.l.n.r.) Peter Romijn, Irina Scherbakowa, Ulrike Schrader, Tatjana Tönsmeyer, Anette Daugardt © mw

Frau Prof. Dr. Tatjana Tönsmeyer wies in der Einleitung darauf hin, dass die Erinnerungsgeschichte der Besatzungszeit im Vergleich zwischen Deutschland und den von deutschen Soldaten besetzten Ländern durchaus unterschiedlich ausfällt. 
 

In Deutschland fällt die Erinnerung an die Besatzungszeit differenzierter aus

 
„In der deutschen Öffentlichkeit ist über die Besatzungszeit wenig bekannt. Man erinnert sich eher daran, dass es den deutschen Soldaten in Frankreich gut ging. Der Hunger setzte in Deutschland erst nach dem Krieg ein. Die internationale Erinnerung an den Hunger ist sehr viel größer, denn Hunger wurde von den Deutschen als Waffe eingesetzt.” Prof. Dr. Tatjana Tönsmeyer betonte an dieser Stelle, dass der deutsche Einmarsch fast ganz Europa betraf und die besetzten Länder unter einer Gewaltherrschaft leben mussten, in denen die Ressourcen ausgebeutet und Lebensmittel streng rationiert wurden. 

Die verschiedenen Quellen verdeutlichten die unterschiedlichen Facetten, die der Hunger hervorbrachte: Schlange stehen stand für viele genauso an der Tagesordnung wie mit  Lebensmittelbezugskarten zu hantieren und sich mit Fettmangel und Ersatzprodukten zu arrangieren. „Die Markenplackerei ist sehr mühselig”, beschwerte sich eine Dänin und eine Russin berichtet: „Die Lebensmittelkarten werden ungültig. Die Karten liegen bei uns auf dem Klo.” Aus Litauen wurde berichtet, dass keine erste Hilfe geleistet werden konnte, da kein Kerosin für die Lampen des Krankenhauses verfügbar war. Geburten mussten im Dunkeln stattfinden. Ein Protokoll aus Prag verwies auf das Schicksal von einigen Landwirten, die zum Tode verurteilt wurden, weil sie abgabepflichtige Waren zurückgehalten hatten. Von Streiks, die aufgrund der Rationierungen stattfanden, berichtet eine Jüdin aus der Nähe Stockholms: „Zwei Arbeiter wurden daraufhin erschossen.“ Ein weiteres, in einem Tagebuch aus Luxemburg, angesprochenes Problem sei, dass das Geld seinen Wert verloren habe. 
 

Hunger und Mangelversorgung wurden zu zentralen Bindegliedern zwischen allen von deutschen Soldaten besetzten Ländern

 
Bei der Betrachtung alles Niederschriften wird vor allem deutlich, wie sehr Hunger einer Bevölkerung zusetzen kann und mit welcher Grausamkeit die deutsche Besatzung den Hunger der Menschen als Waffe einsetzte. 

Anette Daugardt © mw

Im Anschluss an die Lesung diskutierten die renommierten Historiker Dr. Irina Scherbakowa,  Mitarbeiterin der Internationalen Gesellschaft für Historische Aufklärung, Menschenrechte und Soziale Fürsorge „MEMORIAL” in Moskau, Prof. Dr. Peter Romijn, Forschungsdirektor des Instituts für Kriegs- Holocaust- und Genozidforschung in Amsterdam „NIOD” und Prof. Dr. Tatjana Tönsmeyer, Lehrstuhlinhaberin der Neuen Geschichte an der Universität Wuppertal, über die Erinnerungen an den Alltag unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Die Historiker betonten die unterschiedlichen Erinnerungskulturen innerhalb der europäischen Länder und gingen dabei auf ihre Entwicklungen ein. Die in der Vergangenheit im Fokus stehenden Instanzen von Widerstand und Kollaboration seien nicht mehr ausreichend für die Erforschung von Besatzungsgesellschaften. „Unser Projekt, an dem 17 Länder teilgenommen haben, stellte Probleme in den Mittelpunkt,  die alle Länder betrafen, wie beispielsweise der Schwarzmarkt”, so Prof. Dr. Tönsmeyer. Dr. Scherbakowa betonte die differenzierte Ausprägung des Hungers gemessen an den Opferzahlen, denen durch das internationale Projekt Aufmerksamkeit beigemessen werden soll. 

Nach der Diskussion der Professoren hatte das Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Unter anderem ist auch auf die Rolle Griechenlands als besetzte Nation eingegangen worden, als ein Beispiel eines besetzten Staates. Dort sei laut Prof. Dr. Tönsmeyer vor allem das Problem gewesen, dass viele Inseln des Landes nie Selbstversorger gewesen seien. „Zudem war durch die deutsche Besatzung eine Bewegung von Menschen verboten, was auch den Fischfang nicht mehr möglich machte. Außerdem ist Griechenland als Staat extrem schnell zusammengebrochen“, so Prof. Dr. Tönsmeyer. Ein positiver zu bewertendes Phänomen schilderte Prof. Dr. Romijn für die Niederlande: „Je schwieriger die Lage war, desto mehr versuchten junge und alternative Künstler, neue Perspektiven zu kreieren. Es gab so genannte Hauszimmerkonzerte und von Künstlern formierte Widerstandsgruppen stellten gefälschte Personalausweise her.“ Zum Ende der Diskussion versuchte Prof. Dr. Tönsmeyer noch einmal herauszustellen, wie sich eine besetzte Gesellschaft weitestgehend beschreiben lässt: „Die Männer besten Alters sind nicht da, weil sie entweder an der Front oder tot sind. Sie besteht aus Kindern, Frauen und alten Menschen.“ 
 

Quellen der Zeit überwiegend aus weiblicher Sicht verfasst

 
Somit sei es nachvollziehbar, dass Tagebücher und Berichte aus besetzten Gebieten oftmals aus der weiblichen Perspektive geschrieben seien. Insgesamt lieferte der Vortrag im Rahmen des Projekts „Societies under German Occupation – Experiences and Everyday Life in World War II” den Zuhörern und Interessierten einen anschaulichen Einblick in das Leben unter der deutschen Besatzung- und vor allem den als Waffe eingesetzten Hunger, den die Bevölkerungen erleiden mussten. Außerdem machte er deutlich, wie wichtig die Arbeit der Projektteilnehmer ist. Es muss der Blick, besonders in Deutschland, endlich auch darauf gerichtet werden, wie die eingenommenen Länder unter der Besatzung litten, und welche Folgen die strenge Rationierung der Lebensmittel für alle Bevölkerungen hatte. Hinsichtlich der in Deutschland in den Fokus gerückten Tätergeschichte bietet das Editionsprojekt einen wichtigen Beitrag für die gesamt europäische Erinnerungsgeschichte, was bis her in Deutschland vernachlässigt worden ist. »kl & cs«

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