Master of Education: Von der bezahlten Lehrer:innenstelle ins unbezahlte Praxissemester

So geht es vielen Studierenden im Lehramtsstudium während des Praxissemesters. Auch Anna hat diese Erfahrung gemacht. Sie musste ihren Job als Leitung einer 2. Klasse an einer Grundschule für das verpflichtende Praxissemester im Masterstudium kündigen. Das Praxissemester konnte ihr, wie sie gegenüber blickfeld berichtet, nicht mehr die gleiche Rolle und die gleichen Einblicke in den Schulalltag geben. Auch die finanzielle Absicherung, die ihr die Stelle als Klassenlehrerin gab, fiel weg.

Was ist das Praxissemester?

Im Lehramtsstudium Master of Education müssen Studierende für ein Semester eine Praxisphase an einer Schule absolvieren. Das Praxissemester ist dabei ähnlich wie das Referendariat aufgebaut, der eigene Unterricht bleibt jedoch unbenotet und dient dazu, sich vor dem Referendariat als Lehrer:in auszuprobieren und mehr Praxiserfahrung im Studium zu integrieren. Es wird von Seminaren in den Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung (ZfsL) sowie Vorbereitungsseminaren an der Universität begleitet. Vier Tage die Woche dienen in den sechs Monaten der Praxisphase dazu, am Schulalltag als Lehrperson teilzunehmen. Ein Tag bleibt für Uni-Kurse und die ZfsL-Seminare frei.

Wo bleibt die Zeit, um sich zu finanzieren?

79 Prozent der Wuppertaler Studierenden sind laut der 22. Sozialerhebung aus 2023 neben dem Studium berufstätig. Zu ihnen gehört auch Anna. Dadurch, dass sie aufgrund des Zeitaufwandes für das Praxissemester ihren Job an der Grundschule aufgeben musste, fiel auch ihre Studienfinanzierung weg. Die einzige Alternative war laut ihr die „Unterstützung durch Eltern und Gespartes – sonst ist eine Finanzierung schwierig“.

Jobs im Nachmittags- oder Abendbereich seien möglich, aber Anna hörte von vielen Studierenden, dass die Fahrzeit und der Vorbereitungsaufwand für den eigenen Unterricht nicht unterschätzt werden sollten. Am Studientag belegte sie von 8 Uhr morgens bis 18 Uhr abends Uni-Kurse, um ihr Studium möglichst in der Regelstudienzeit abzuschließen. Daher blieb ihr nur wenig Zeit zum Arbeiten. Dennoch nahm sie für diese Zeit einen Aushilfsjob an, den sie zusätzlich nachmittags ausübte – vier Stunden pro Woche.

Zwischen Beobachten und Unterrichten

Ihr Praxissemester hat sie an einem Gymnasium in einer Kleinstadt absolviert, wo sie täglich bis 13 Uhr arbeitete oder, wie sie sagt, eher „herumsaß“. Die meiste Zeit habe sie in den Klassen hospitiert, da Studierende im Praxissemester das Unterrichtsgeschehen aus einer „differenzierten Perspektive“ beobachten sollen, bevor sie selbst unterrichten. Durch ihre Vorerfahrungen war sie besonders in der Anfangszeit an der Schule unterfordert. Sie betont jedoch, dass zur Unterrichtsvorbereitung ein hoher zeitlicher Aufwand besteht, da sie sich alle Inhalte in den eigenen Fächern selbst neu aneignen muss. „Das eigene Studium gibt einem keine Unterrichtsinhalte mit auf den Weg, sondern eher das ‚Wie‘, wobei davon auch zu wenig“, sagt Anna.

Universität vs. Lehrerbildung

Auch die Erfahrungen und Inhalte in den Vorbereitungskursen sind laut Anna eher ernüchternd. Beiden Instanzen würden sich doppeln, alles bleibe sehr theoretisch und Studierende bekämen lediglich das Grundgerüst einer Unterrichtsstunde vermittelt. Fachinterne Themen würden nicht besprochen, so dass Anna im Unterricht „ins kalte Wasser“ geschmissen wurde.

Eine Note für das Praxissemester vergibt nicht die Schule, sondern die Universität. Wie? Laut Anna durch theoretische Hausarbeiten, die nicht auf dem eigenen Unterricht an der Schule aufbauen. „Die Uni hat keinen Einblick in die Dinge, die man an der Schule geleistet hat“, sagt Anna, „Ich finde, dass das nicht angebracht und auch nicht passend ist für die Leistung, die man eigentlich erbringt.“

Wie viel Praxis bietet das Praxissemester?

„Das System sollte hinterfragt werden, denn über die Realität in der Schule wird wenig gesprochen“, sagt Anna im Interview. Der Job als Lehrerin ist immer noch ihr Wunsch, jedoch kritisiert sie am Praxissemester den hohen Beobachtungsanteil und die wenigen Einblicke über den Unterricht hinaus in den Schulalltag. An ihrer Schule sowie im ZfsL habe es keine Vorgaben bezüglich außerunterrichtlicher Aktivitäten wie Konferenzen, Elternsprechtagen oder Ähnlichem gegeben. Die Anforderungen und Einblicke unterscheiden sich außerdem an jeder Schule und jedem ZfsL, erfährt sie im Austausch mit Kommiliton:innen.

Der Richtwert für eigenständige Unterrichtselemente variiert je nach ZfsL und beträgt meist etwa 50 Stunden. Darunter zählen eigene Unterrichtsstunden sowie kleinere Einheiten, die in einer Stunde übernommen oder begleitet werden. Diese Vorgabe ist laut Anna unrealistisch hoch, denn vor allem wollen und müssen die eigentlichen Lehrkräfte selbst unterrichten. Der Schulalltag läuft während des Praxissemesters weiter und Studierende im Praxissemester müssen versuchen, sich schnellstmöglich zu integrieren. Ziel sei es, sich durch möglichst viele eigene Unterrichtsstunden auf die Unterrichtsbesuche (UBs) vorbereiten.

In beiden Fächern empfangen Studierende planmäßig Besuch der ZfsL-Leitungen und präsentierten eine Unterrichtsstunde – wie später während eines Unterrichtsbesuchs im Referendariat. Durch einen Krankheitsfall der ZfsL-Betreuung hat ein Unterrichtsbesuch von Anna jedoch nicht stattgefunden, sodass das Feedback für sie im Fach Deutsch ausblieb.

Tipps für angehende Lehrer:innen

„Man sollte möglichst viel Eigeninitiative zeigen, denn die Lehrkräfte haben viel um die Ohren und können nicht immer auf einen achten“, so Anna. „Man muss selbst zusehen, was man daraus macht.“

Sie sei nicht „frei“ gewesen, antwortet sie auf die Frage, ob sie ihre eigene Lehrerinnenpersönlichkeit gefunden hat. Aufgrund der Betreuung durch eine Lehrkraft passe man sich an deren Unterrichtsstil an und habe wenig Spielraum, um sich auszuprobieren. „In meinem Fall hat mir die Vertretungsstelle deutlich mehr in meinem Kompetenzerwerb gebracht als die gesamte Zeit des Praxissemesters, weil man dort wenig Einblicke in das reale Schulsystem bekommt“, schlussfolgert Anna.

Nach anderthalb Jahren als Lehrerin an der Grundschule habe Anna bereits ihren eigenen Stil gefunden, für den sie während des Praxissemesters viel Lob bekommen habe: „Ich freue mich darauf, bald wieder eigenständig zu unterrichten.“ »pima«

Zur Person

Anna* ist 25 Jahre alt. Sie studiert im Lehramt für die Schulformen Gymnasium und Gesamtschule die Fächer Deutsch und Pädagogik.

Sie ist bereits am Ende ihres Studiums und möchte im Mai 2026 ins Referendariat, den Vorbereitungsdienst für angehende Lehrer:innen, einsteigen. Erfahrungen sammelte sie bereits anderthalb Jahre lang an einer Grundschule und übernahm dort den Unterricht für eine Inklusionsklasse und später auch die Leitung einer 2. Klasse.

* Die interviewte Person hat darum gebeten, anonym zu bleiben.

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