„Sie waren ja immer auf der Flucht“

Sabine* und Laura* gehören zu den ersten Studentinnen, die während ihres Lehramtsstudiums das Praxissemester absolvieren mussten. Während Sabine von ihren Eltern unterstützt wird und nicht berufstätig ist, lebt Laura zusammen mit ihrem Freund in einer eigenen Wohnung und ist finanziell auf ihre beiden Nebenjobs angewiesen. Mit blickfeld sprachen sie über ihre Erfahrungen im Praxissemester: Sabine hat ihres bereits 2013 absolviert, Laura ist gerade erst aus dem Praxissemester zurückgekehrt.

Zwei Lehramtsstudentinnen berichten über ihr Praxissemester im Master of Education (MEd)

blickfeld: Lange Fahrzeiten zur Schule – ein Hauptkritikpunkt am Praxissemester. Wie lange wart ihr unterwegs? Wurde euch eine eurer Wunschschulen zugeteilt?

Sabine: Ich habe meine Wunschschule bekommen. Doch obwohl sie die am nächsten liegende Schule war, saß ich täglich über vier Stunden im Zug. Standen noch Termine im ZfsL (Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung – Anm. d. Red.) an, so kamen noch rund zwei Stunden hinzu. Meine Schultage gingen meist von 6 Uhr morgens bis 18.30 abends.

Laura: Mir wurde mein Zweitwunsch zugeteilt. Dabei hatte ich ähnliche Fahrzeiten und war meist auch erst am späten Abend zu Hause. Mein Glück war, dass das ZfsL direkt an der Schule lag. Jetzige Kommilitonen berichten mir jedoch, dass sie oft gar keine ihrer Wunschschulen zugewiesen bekommen hätten.

blickfeld: Im Semester müssen 30 Leistungspunkte erreicht werden. 13 erhält man durch das Praxissemester, weitere 17 muss man im Rahmen von Uni-Kursen erwerben. Habt ihr das erwartete Pensum erreicht?

Sabine: Der Dienstag war als Studientag für Uni-Veranstaltungen geblockt. Das wurde vorab auch kommuniziert. Es fehlte jedoch die Information, welche Kurse wir uns für das Praxissemester aufsparen sollten. Einen Großteil der angebotenen Kurse hatte ich daher schon absolviert. Die 30 Leistungspunkte habe ich knapp erreicht, doch nur, weil ich Veranstaltungen zwar belegt, aber nicht besucht habe. Die Prüfungen habe ich dennoch bestanden.
Zeit fehlte aber auch an anderer Stelle. Durch die ganzen Pflichtaufgaben von Schule, ZfsL und Uni kamen die Unterrichtsvorbereitungen bei mir zu kurz. Gerade hier hätte ich gerne mehr Zeit investiert.

Laura: Ich habe sie nicht ganz erreicht. Zwar kannte ich das Uni-Angebot im Praxissemester, doch werden meiner Meinung nach die lernintensivsten Master-Inhalte in das Praxissemester gepackt. Diese habe ich bereits vorab belegt und konnte, dank Kulanz der Schulverantwortlichen, den Studientag auf Mittwoch legen und so andere Uni-Veranstaltungen besuchen.
Überhaupt musste man vielen Anforderungen von Uni, Schule und ZfsL gerecht werden. In den Bildungswissenschaften wird erwartet, dass man alle zwei Wochen Forschungsaufträge bearbeitet und einreicht. Von der Schule kam ich um 18 Uhr nach Hause. Feierabend hatte ich meist jedoch erst gegen 23 Uhr, denn auch die ersten Unterrichtsvorbereitungen kosten immens viel Zeit.

blickfeld: Wie habt ihr euch während des Praxissemesters finanziert und hätte euch eine generelle Entlohnung des Praktikums geholfen?

Sabine: Ich lebe in einer eigenen Wohnung, bin nicht Bafög-berechtigt und werde von meinen Eltern finanziert. Eine Praktikumsentlohnung hätte ich in ein Auto investiert, um mobiler zu sein. Nur die wenigsten Schulen liegen direkt am Bahnhof oder sind einfach mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.

Laura: Ich bin seit Anfang meines Studiums auf meine Nebenjobs angewiesen. Da sich die Universität flexibel organisieren lässt, habe ich vormittags bei einer Versicherung gearbeitet. Diesen Job musste ich zwangsläufig aufgeben. Das war mir vorab klar. Daneben gebe ich noch Tanzunterricht. Hier musste ich während des Praxissemesters die Zeiten reduzieren. Das war so nicht geplant. Das finanzielle Loch haben meine Eltern kompensiert. Hätte ich was fürs Praktikum bekommen, hätte ich meine Eltern nicht belasten müssen.

blickfeld: Hat sich das Praxissemester trotz aller Belastungen gelohnt?

Laura: Das Praxissemester ist generell gut, denn man kann viel Erfahrung am Stück sammeln und den Schulalltag kennenlernen. Jedoch kommt es meiner Meinung nach zu spät im Studienverlauf. Viele beginnen die Lehrerausbildung und merken dann erst, dass das nicht das Wahre für sie ist. Zudem wird einem das Praxissemester durch die ganzen Pflichten drumherum vermiest. Es heißt nur: das muss, das muss, das muss. Ich bin von einem Termin zum anderen gerast und war angesichts der vielen Ausarbeitungen und Aufgaben stets auf dem Sprung.
Ferner sind die Bedingungen an den Schulen nicht optimal. Referendare, Praktikanten, Praxissemestler – alle wollen hospitieren, unterrichten und betreut werden. Je nach eigener Fächerkombination reichen die vorhandenen Kapazitäten nicht aus, um das eigene Pflichtpensum zu erfüllen – wie es auch bei mir der Fall war.
Auch war es für mich schwer einen Termin mit den ZfsL-Betreuern für einen Unterrichtsbesuch zu vereinbaren. Dabei werden in Zukunft die Belastungen weiter steigen, da immer mehr Studierende das Praxissemester absolvieren müssen.

Sabine: Gerade in Bezug auf Unterrichtsplanungen habe ich viel lernen können. Doch machen es die Rahmenbedingungen einem schwer, sich völlig auf das Praktikum zu konzentrieren. Darüber hinaus stimme ich Laura zu. Das Praxissemester sollte früher kommen. Gerade im Grundschullehramt kann man nicht einfach so in einen anderen Master wechseln, wenn man merkt, dass es nicht passt.
An meiner Grundschule war die Betreuungslage entspannt. Ich konnte meine Unterrichtszeiten gut ablegen. Das Problem lag eher in der fehlenden Zeit meinerseits. Meine Betreuer monierten stets, dass ich ja immer auf der Flucht gewesen sei. Kein Wunder, denn mich begleiteten stets die Gedanken, was ich noch alles erledigen musste – sei es für Schule, Uni oder ZfsL. Für ein Privatleben blieb da keine Zeit. »mw«

*Namen von der Redaktion geändert

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