Zwischen Schutzraum und Hörsaal: Das Studium in der Wuppertaler Partnerstadt Kamjanske

Im Herbst 2025 haben die Stadt Wuppertal und die ukrainische Stadt Kamjanske eine Projektpartnerschaft vereinbart. Die 230.000 Einwohner:innen große Stadt liegt im Südosten der Ukraine unweit der Stadt Dnipro und rund 100 Kilometer von der Frontlinie entfernt. Sie ist auch Standort der Dniprower Staatlichen Technischen Universität (DSTU). blickfeld sprach mit Anastasiia Tkach, Studentin an der DSTU und Vorsitzende des dortigen Studierendenparlaments, über Studium und Leben im Angesicht des Krieges.

Anastasiia Tkach - Foto: privat

Explosionen in der etwa 40 Kilometer entfernten Stadt Dnipro hört Anastasiia Tkach je nach Intensität. Die Nachbarstadt wird regelmäßig von russischen Drohnen und Raketen angegriffen – so fand laut dem SPIEGEL Ende April ein massiver russischer Luftangriff statt, mit acht toten und zahlreichen verletzten Menschen. Auch Kamjanske bleibt nicht verschont: So berichtet der Deutschlandfunk von einem Drohnenangriff auf die Industriestadt Anfang November 2025 mit acht Verletzten. Das Portal liveuamap.com hat Anfang April einen Marschflugkörper nördlich der Stadt erfasst.

„Während des Beschusses oder eines Luftangriffs weiß man nie genau, wohin eine Rakete oder Drohne fliegt: Es kann Dnipro sein, Kamjanske oder eine andere Stadt in der Nähe“, erklärt Anastasiia Tkach, die von großer Angst und Sorge in diesen Situationen spricht: „Wenn man Explosionen hört oder Warnmeldungen über eine Gefahr erhält, beginnt man sofort, die Nachrichten zu verfolgen, den Kontakt zu den Angehörigen zu prüfen und abzuwarten, bis klar wird, was genau passiert ist. Dieses ständige Gefühl der Ungewissheit ist einer der schwierigsten Teile des Lebens während des Krieges.“

Verdoppelung der Studierendenzahlen seit Kriegsbeginn

Die Nähe zur Front beeinflusst sowohl das Leben in der Stadt als auch das Studium an der Universität. An dieser studieren derzeit rund 1.800 Menschen, denen Studiengänge etwa in den Bereichen Maschinenbau, Metallurgie oder Informationstechnologie offenstehen. Werden die drei weiteren, zwar eigenständigen, aber zur Universität gehörenden Fachkollegien, darunter Lebensmitteltechnologie, hinzugerechnet, steigt die Zahl der Studierenden auf etwa 4.000.

Die Studierendenzahl hat sich laut Anastasiia Tkach seit dem Ausbruch des Krieges nahezu verdoppelt. Früher hätten sich junge Menschen aus ihrer Stadt auch an Universitäten im Osten der Ukraine, insbesondere in den aktuell dauerhaft unter russischen Angriffen stehenden (Front-)Städten Charkiw und Saporischschja, eingeschrieben. „Junge Menschen suchen sich Universitäten in der näheren Umgebung oder in relativ sicheren Regionen – dazu gehört auch Kamjanske und die Dniprower Staatliche Technische Universität.“

Dniprower Staatlichen Technischen Universität (DSTU) – Foto: DSTU

Seit zwölf Jahren im Krieg

Anastasiia Tkach ist seit 2024 Studentin an der mittlerweile über 100 Jahre alten und als Arbeiter-Polytechnikum gegründeten Technischen Universität. Sie studiert seit ihrem 17. Lebensjahr die Fachrichtung Software-Engineering und zog mit ihrer Familie 2014, mit Beginn des Donbass-Krieges, von Donezk nach Kamjanske. „Für meine Familie dauert der Krieg nun schon über zwölf Jahre. Wir haben uns für Kamjanske entschieden, weil meine Mutter hier geboren ist und meine Großeltern in der Stadt leben. Für sie – als damals Sechsjährige – war der Umzug weniger traumatisch gewesen als für ihre Eltern, die mit Beginn der Kämpfe „praktisch alles zurückgelassen haben, was wir besaßen“. Der Donbass beziehungsweise die ihn bildenden Regionen Donezk und Luhansk wurden 2022 von Russland annektiert, werden jedoch von der russischen Armee nicht vollständig kontrolliert.

Ihr Studienalltag sei geprägt von täglich mehreren Luftalarmen: „Normalerweise dauert ein Alarm etwa anderthalb Stunden, und im Laufe des Tages gibt es durchschnittlich etwa drei.“ An vielen ukrainischen Universitäten finde der Unterricht ganz oder teilweise im Fernunterricht statt – anders an der DSTU, die weiterhin eine Präsenz-Universität ist. „Es gehört zu unserem Alltag, bei einem Luftalarm in den Schutzraum zu gehen – keine schöne ‚Gewohnheit‘.“ Nicht immer könne der Unterricht dort auch fortgesetzt werden, etwa bei praktischen Übungen. Dann müsse das Ende des Luftalarms abgewartet werden.

Das Portal liveuamap.com hat Anfang April einen Marschflugkörper nördlich der Stadt Kamjanske erfasst, die rund 100km von der Frontlinie entfernt liegt – Foto: liveuamap.com

Zeitweise 17 Stunden am Tag ohne Strom

Zu den Herausforderungen gehören auch regelmäßige Stromausfälle, wobei die Energieversorgung zwischenzeitlich stabilisiert wurde und nun durchgehend erfolgt. Zeitweise musste die Bevölkerung laut Anastasiia Tkach täglich 17 Stunden, in der Spitze bis zu 20 Stunden, ohne Strom auskommen. „Unter den Ukrainern hat sich in dieser Zeit ein Witz verbreitet: Man sagt, noch niemand hat mich mitten in der Nacht so schnell aus dem Schlaf reißen können wie der Energieversorger, wenn er plötzlich wieder Strom liefert“, so die Studentin.

Das gesamte Leben richtete sich nach einem (aktuell ausgesetzten) Stromversorgungsplan – sowohl die Arbeit als auch die Hausarbeit. Durch die von den Versorgern herausgegebenen Pläne erfuhren Einwohner:innen der Stadt, wann ihnen Strom zur Verfügung stehe – kurzfristige Reparaturen und Schäden am Netz nicht inbegriffen: „Wäsche waschen, Essen zubereiten, Geräte aufladen. Ich habe zum Beispiel zu Hause nur einen Elektroherd, daher gibt es während eines Stromausfalls keine Alternative zum Kochen.“ Manchmal entstehe dabei ein Gefühl der Leere oder gar leichten Apathie oder Unruhe in ihr, wenn der Strom ausfällt. „Das gewohnte Hintergrundrauschen verschwindet, und man bleibt mit seinen Gedanken allein.“ Diese Situation habe aber auch etwas Positives: „Während solcher erzwungenen Pausen bleibt mehr Zeit für Familie und Freunde. Ich habe begonnen, solche Momente viel mehr zu schätzen und meinen Lieben bewusst mehr Zeit zu widmen.“

Universität im Grünen

Gemeinsam Zeit verbringen Studierende ihrer Universität, etwa bei Kursausfall oder in Pausen, im Umfeld der Universität. Diese befindet sich im Grünen und in unmittelbarer Nähe am Dnipro, wo an warmen Tagen die Uferpromenade zum Verweilen einlädt. Am Campus bereiten Tkach und ihre Kommilitonen in der Uni-Cafeteria oder in einem nahegelegenen Café ihre Kurse vor, verabreden sich zu Brettspieltreffen und anderen Aktivitäten. Ein warmes Mittagessen am Campus gibt es derzeit nicht, weil die Mensa laut Anastasiia Tkach aufgrund von Umbauarbeiten nicht in Betrieb ist, was sich jedoch in naher Zukunft ändern soll.

Im Vergleich zum deutschen Hochschulstudium, das eine individuelle Kursauswahl und kaum Anwesenheitspflicht beinhaltet, ist das Studium in der Ukraine „verschulter“ – mit fest vorgegebenen Lehr- und Stundenplänen sowie einer hohen Anwesenheitspflicht.

Ende April fand eine Gedenkveranstaltung zur Tschernobyl-Katastrophe statt, zu der Anastasiia Tkach einen Vortrag hielt – Foto: DSTU

Brummen auf den Straßen

Zu den Treffpunkten innerhalb der Stadt gehören neben zahlreichen Parks, Stränden und Flussufern auch kulturelle Einrichtungen und ein Jugendzentrum mit Workshop- und Bildungsangeboten, insbesondere für Studierende und junge Menschen. Eines der bekanntesten historischen Bauwerke der Stadt ist die römisch-katholische St.-Nikolaus-Kirche, ein Denkmal der Sakralarchitektur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Geschäfte und Unternehmen in der Stadt hätten im Zuge der eingeschränkten Energieversorgung Generatoren angeschafft, um weiterarbeiten zu können. „Auf den Straßen hörte man oft das Brummen der Generatoren – sie werden direkt vor Geschäften oder kleinen Lokalen in Betrieb genommen. Dadurch steigen aber auch die Kosten erheblich, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen“, so Tkach. Bei einem Luftalarm können Bürger:innen Zuflucht in Schutzräumen, meist in Schulen oder in sogenannten „Punkten der Unbeugsamkeit“, aufsuchen.

Engagement in der Stadt und am Campus

Anastasiia Tkach engagiert sich in ihrer Heimatstadt im Zentrum für Jugendinitiativen, eine kommunale Einrichtung zur Unterstützung und Förderung von jungen Menschen in Kamjanske – durchaus vergleichbar mit einem Jugendrat, wie es ihn in Wuppertal gibt. „Ich möchte etwas für die Jugend bewegen“, so ihre Motivation. Auf städtischer Ebene organisierte sie gemeinsam mit weiteren Engagierten beispielsweise eine Spendenaktion für ein Kinderheim und verbrachte anschließend Zeit mit den Kindern „mit einem kleinen Bastelkurs und Kinderschminken.“

Anastasiia Tkach war an einer Spendenaktion für ein Kinderheim beteiligt – Foto: privat

Sie ist auch am Campus engagiert: Wie an der Bergischen Universität existiert auch an der DSTU eine studentische Selbstverwaltung. Seit Ende 2025 ist Anastasiia Tkach Vorsitzende des Jugend-Studierendenparlaments. „Wir vertreten die Interessen der Studierenden und sind an zahlreichen Gremien und Entscheidungsprozessen beteiligt. Das betrifft zum Beispiel Fragen der Wohnheimunterbringung, der Studienorganisation oder -bedingungen, aber auch die Vergabe von Stipendien.“ Zudem organisiere das Parlament kulturelle und bildungsbezogene Veranstaltungen an der Universität sowie verschiedene (Sport-)Wettbewerbe und Angebote für neue Studierende – und Aktionen über den Campus hinaus: „Ende März haben wir uns mit vielen Studierenden unserer Universität an einer Umweltaktion zur Säuberung der Ufer des Dnipro beteiligt.“

Auch hier zogen mit dem Krieg Veränderungen ein: Während früher allgemeine Wahlen zum Studierendenparlament stattfanden, werden die studentischen Vertreter:innen nun im Rahmen einer Vollversammlung gewählt, zu der jede Fakultät eine gleiche Anzahl an Delegierten entsendet. Das schaffe Gleichberechtigung zwischen den Fakultäten und vereinfache die Wahlorganisation. „Innerhalb der Fakultäten wählen weiterhin alle Studierenden ihre Vertretung“, erklärt Tkach.

Umweltaktion am Dnipro – Foto: DSTU

Studienfinanzierung: staatlich gefördert oder privat finanziert

Aufgrund sehr guter Leistungen profitiert Anastasiia Tkach von einer staatlichen Förderung, die ihr ein kostenloses Studium und darüber hinaus ein Stipendium ermöglicht. „Neben staatlich finanzierten und geförderten Studienplätzen gibt es das gebührenpflichtige Vertragsstudium“, ergänzt die junge Studentin.

Der Anteil öffentlich geförderter Studienplätze variiere von Jahr zu Jahr und je nach Studiengang. Wer die Kosten selbst tragen muss, zahle für ein Bachelorstudium derzeit jährlich – abhängig von der Fachrichtung – zwischen 20.000 und 40.000 Hrywnja (knapp 400 bis 800 Euro). Zum Vergleich: Der gesetzliche Mindestlohn in der Ukraine beträgt im Jahr 2026 monatlich 8.647 Hrywnja, also etwa 170 Euro. „Viele Studierende arbeiten neben dem Studium, um die steigenden Lebenshaltungskosten und gegebenenfalls Studiengebühren zu finanzieren, insbesondere im Vertragsstudium“, so Tkach, die froh ist, sich dank der staatlichen Förderung auf ihr Studium und ihr gesellschaftliches Engagement konzentrieren zu können. Später möchte sie in ihrem Fachgebiet in einem internationalen IT-Unternehmen arbeiten.

Wer aus der Region kommt, wohnt, ähnlich wie Tkach, bei seiner Familie. Studierende aus anderen Landesteilen würden bei der Vergabe der günstigen Wohnheimplätze bevorzugt. Dort zahlen sie 700 Hrywnja (14 Euro) im Monat, während Wohnungen in der Stadt laut Tkach bei etwa 3.000 Hrywnja (zirka 60 Euro) beginnen. „Die Mieten stiegen erheblich an, da immer mehr Binnenflüchtlinge aus den besetzten oder direkt an der Front befindlichen Gebieten in die Stadt kommen“, ergänzt sie.

Gehen oder bleiben?

Kamjanske ist in etwa so weit von der aktuellen Front entfernt wie Aachen von Wuppertal. Die Frage „Gehen oder bleiben?“ ist angesichts der regelmäßigen Angriffe in der Region allgegenwärtig. „Manchmal belasten mich die Gedanken über die Zukunft und die Unsicherheit aufgrund der Lage sehr. Viele meiner Freunde und Bekannten sind bereits ins Ausland gegangen, um dort zu studieren oder zu arbeiten.“ Trotzdem möchte Anastasiia Tkach bleiben: „Das Studium könnte ich grundsätzlich als Fernstudium fortsetzen, doch das Leben im Westen der Ukraine ist mit dem Krieg teurer geworden. Dies gilt auch für das Ausland, wozu noch sprachliche Hürden kommen. Deshalb bleibe ich – aber das kann sich jederzeit ändern. Meine Familie unterstützt mich bei allen Entscheidungen. Das ist für mich sehr wichtig, weil die Unterstützung der Angehörigen in so schwierigen Zeiten ein Gefühl von Halt und Sicherheit gibt.“ »mw«

Staatliche Technische Universität Dnipro (DSTU)

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