Hanns-Josef Ortheils neuester Roman spielt in Wuppertal. Präziser formuliert ist in ‚Schwebebahnen‘ das Wuppertal der Nachkriegszeit Haupthandlungsort. Der Schriftsteller und Literaturdozent Ortheil erzählt von einer Stadt im Bergischen, in der (anders als heute) Straßenbahnen auf Schienen steile Anhöhen hinauffahren. Unweit von den Berghängen ruht das Tal, wo seit Jahrzehnten die Schwebebahn Fahrgäste über die Wupper trägt.
Ein Umzug ins Ungewisse
Hauptcharakter des Romans ist Josef, der zunächst im Köln der Fünfzigerjahre aufwächst. Sein Vater ist Eisenbahner und verlässt aus beruflichen Gründen die Stadt. Gemeinsam mit ihm und seiner Mutter zieht Josef, der gerade aus der ersten Klasse ausgeschult wurde, nach Wuppertal.
Der Umzugswagen transportiert neben Kisten und Mobiliar auch das Klavier, auf dem Josef von seiner Mutter Unterricht erhält. Die beiden verbindet eine Passion für klassische Musik. Josef übt mehrere Stunden täglich an seinem Lieblingsinstrument.
Um auf die neuen Nachbarn Rücksicht zu nehmen, soll Josef in Wuppertal seine Übungszeit reduzieren. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum er sich gegen den Umzug sträubt. Von Beginn an hat die Stadt Wuppertal eine dunkle, unheimliche Aura für den verträumten Jungen: „’Wuppertal‘ ist ein fremdes Wort, das u ist dunkel“.
Als Einzelkind ist Josef gerne für sich. Seinen Gedanken nachgehen und möglichst viel Klavier spielen, das sind seine obersten Ziele.
Eine Nachbarin namens Mücke
Das ändert sich ein wenig, als er das Nachbarkind Mücke kennenlernt: ein gleichaltriges Mädchen, das ihn mit seiner Energie ansteckt. Gemeinsam streifen die beiden durch das sommerliche Wuppertal. Zunehmend entfaltet sich der introvertierte Junge. Doch was würde er nur ohne seine neue beste Freundin tun? Ohnehin graut es ihm vor seiner anstehenden Einschulung.
Auch in der Schule bleibt Josef ein ängstlicher Tagträumer, der Realitäten kreativ verarbeitet oder auch alternativ weiterspinnt. Josefs große Kreativität geht mit Ausbrüchen aus der gesellschaftlichen Norm einher. Der sonst eher stille Junge stellt Lehrern genauso abstrakte wie kritische Fragen. Auch am Klavier klimpert er lieber herum, als sich an die Noten zu halten.
Während Josef wenig Kontakt nach außen hat und fantastische Welten am Klavier entwirft, fügt sich Mücke in den harten Arbeitsalltag am Großmarktstand ihrer Eltern ein. Im Englischunterricht soll sie besonders gut aufpassen, um ihre Eltern später bei Verkaufsgesprächen mit internationalen Kunden unterstützen zu können. Mücke und Josef sind füreinander die einzigen gleichaltrigen Bezugspersonen.
Hanns-Josef Ortheil: Schwebebahnen
Bibliographische Daten:
- Hanns-Josef Ortheil: Schwebebahnen (ISBN: 978-3-630-87784-6)
- Luchterhand, 10. September 2025
- Gebunden, 24 Euro, 320 Seiten
- Themen: Nachkriegsdeutschland, Kindheit, Wuppertal, Anderssein
- Sprache: klar, verträumt, einfach, emotional, kindlich
- Sonstiges: hohe Lesbarkeit, autobiographische Bezüge
Schwermut und Zuflucht
Ortheil thematisiert in seinem Roman eine Kindheit zwischen Rhein und Wupper, genauer: zwischen Köln und Wuppertal. Neben der rheinischen Metropole ist das kleinere Wuppertal zunächst der Inbegriff für das Fremde. Josef ist eingeschüchtert von der Stadt und den Menschen. Auch Josefs Eltern können sich nach dem gemeinsamen Umzug nur schwer entfalten.
Die Parallelen zum Werdegang des Autors sind unverkennbar. Hanns-Josef Ortheil, Jahrgang 1951, lebte in den späten Fünfziger- und den frühen Sechzigerjahren selbst in Wuppertal. Themen seines umfangreichen Werkes sind neben deutscher Nachkriegsgeschichte unter anderem die Stadt Köln und die Klaviermusik.
‚Schwebebahnen‘ fällt mit einer besonders zugänglichen Sprache auf, die ihren poetischen Ton gerade in ihrer Klarheit findet. Wir lesen Ortheils Roman aus einer genauso detaillierten wie nüchternen Perspektive – fast so, als würde ein Junge namens Josef die Geschichte erzählen.
Insgesamt überwiegt eine melancholische Atmosphäre, die uns aus der naiven Sicht eines Kindes nähergebracht wird. Der Roman berichtet auch über eine übergeordnete Schwere, in all ihrer Trivialität. Der Erzählstoff wird gerafft. Auf diese Weise entsteht früh eine große Nähe zwischen Josef und dem Leser.
Ein Wuppertalroman
Das Nachkriegs-Wuppertal dient Ortheil als Kulisse für Überforderung, Unwägbarkeiten und Fremdheitsgefühle. Nicht nur für Mückes Vater ist der Krieg noch nicht vorbei. Gleichzeitig sind Themen wie Verbundenheit und Hoffnung, Leichtigkeit und Mut Hauptmotive in ‚Schwebebahnen‘. Die Handlungsorte sind teils über die Stadtgrenzen hinaus bekannt: Das Stadion am Zoo, das Gelpetal, der Freudenberg – und natürlich die Schwebebahntrasse. Dafür ist es keineswegs notwendig, die Stadt mit der Schwebebahn zu kennen, um vom Wuppertalgefühl des Romans erfasst zu werden.
Auch deshalb ist Hanns-Josef Ortheil mit ‚Schwebebahnen‘ nicht nur ein echter Wuppertal-, sondern auch ein Nachkriegsroman mit einer eindrücklichen Erzählhaltung gelungen. »gast«
Gastautor: Hendrik Schlüter
Hendrik Schlüter, geboren in Bonn, studierte zeitweise ‚Angewandte Kultur- und Wirtschaftsstudien: deutsch-französisch‘ an der Bergischen Universität Wuppertal. Inzwischen ist er Auszubildender in der Kölner Agnes Buchhandlung. Sein Herz schlägt für Literatur und Zeitung – aber auch für moderne/zeitgenössische Kunst.


