Buchrezension zu Joachim Zelter: „Hoch oben“

Böllerverbot jetzt! Gepflegte Innenstädte und eine mutige Umweltpolitik stehen in Joachim Zelters neuem Roman an erster Stelle. Allerdings nur in einem sehr beschränkten Rahmen: Das Idyll der Kleinstadt Karlsberg, wo ein umtriebiger Bürgermeister seiner Arbeit nachgeht, täuscht. Eine Geschichte über kleinstädtisch verwalteten Autoritarismus…

Zelters ‚Hoch oben‘ dreht sich um einen Oberbürgermeister, der unter anderem an einem wahnwitzigen Bauprojekt arbeitet. Hoch über dem schwäbischen Karlsberg soll ein Prachtbau in Form einer Fahrradbrücke entstehen. Diese Metapher des Hochhinauswollens, der Verlust von Bodenhaftung, ist ein wichtiges Motiv in Zelters Roman.

Der Roman beginnt mit einem Unfall beziehungsweise mit einer strapaziösen Autofahrt. Jeremy Ash fährt mit seinem Wagen von Birmingham nach Süddeutschland. Und zwar ohne Pause. Es ist bereits dunkel, als er den Schwarzwald erreicht. Für geraume Zeit irrt der Autofahrer Ash durch schwäbische Dörfer, die allesamt mit der Doppelsilbe „ingen“ enden. Hier kommt er von der Fahrbahn ab und findet sich schließlich im nahegelegenen Krankenhaus wieder.

Thorwald Burger

Nach einer Notoperation wird er in einem Krankenhaus vom Pflegeteam geweckt und mit anderen Patienten auf das Dach des Krankenhauses gebracht. Nicht wenige Krankenhausinsassen tragen Verbände oder sogar Drainagen. Doch es gilt, den soeben mit einem Helikopter eingetroffenen örtlichen Bürgermeister zu begrüßen. Dieser hält vor den Verletzten eine Rede. Der Bürgermeister, Thorwald Burger, berichtet von seinen Reformplänen für das örtliche Krankenhaus. Und auch der Verkehr in der Kommune sollte sicherer werden. Burger schimpft über die Unfallstatistiken und vermeidbare Verkehrsunfälle.

So beginnt Ashs Aufenthalt in Karlsberg: einer Studentenstadt mit einem Berg mitsamt einer Burg (der Karlsburg). Dort residiert Thorwald Burger, der Oberbürgermeister. Burger ist ein Phänomen. Immerhin hat er das Rauchen im gesamten Stadtgebiet verboten! Und an Silvester ist ganz Karlsberg zur Böllerverbotszone erklärt worden. Der Bürgermeister achtet persönlich auf den Zustand seiner Kommune und kämpft enthusiastisch und erfolgreich gegen Graffiti im öffentlichen Raum. In dieser kleinstädtischen Ordnung eckt Ash an.

Jeremy Ash

Der verunfallte Engländer hat etwas Eigenbrötlerisches, in sich Gekehrtes. Eher introvertiert kommt er daher. Seine Arbeit als Journalist sichert ihm eine bescheidene Existenz. So fehlen ihm die finanziellen Mittel, um die fällige Krankenhausrechnung zu begleichen. Deshalb muss er, wie viele andere auch, seine Schulden in einer Karlsberger Einrichtung abarbeiten. In einer Kindertagesstätte soll er zu Frühforderungszwecken Englischunterricht geben. Mit einer Frau, die in derselben Einrichtung eine Wiedereingliederungsmaßnahme absolviert, teilt er sich eine Unterkunft.

Ashs neuer Alltag ist geprägt von Komplikationen und Strapazen, von Bemühungen und Mühsal. Nach seiner ersten kuriosen Begegnung mit Thorwald Burger beschließt Ash, dem umstrittenen Bürgermeister eine Story zu widmen. Immerhin könnte er sich auf diese Weise einen geringen Betrag dazuverdienen.

Joachim Zelter: Hoch oben

Bibliographische Daten:

‚Hoch oben‘

Wir erleben einen kuriosen Zweikampf zweier ungleicher Charaktere, der sich zwischen Burgers Residenz und Ashs bescheidener Unterkunft abspielt. Der „Ausländer“ und Nicht-EU-Bürger Ash scheint nicht so recht in das vorherrschende Stadtbild zu passen. Er spricht mit auffälligem Akzent und wirkt auch sonst wie ein Fremdkörper.

Aufgrund seiner Verletzung und seiner Krankenhausschulden ist er von der patriarchal verwalteten Karlsberger Kommune abhängig. Bei seinen Bemühungen, sein altes Leben wiederaufzunehmen, wird er sich immer wieder seiner Verletztheit beziehungsweise Verletzlichkeit bewusst. Gleichzeitig versteht er früh, dass hinter der gepflegten Kommune eine eigene Apparatur steckt. Diese dient oft nur dazu, ihren Regenten zu huldigen oder zu beschwichtigen.

Joachim Zelter legt mit seinem aktuellen Roman eindrucksvoll dar, wie bestimmte Charaktere in hohen Positionen zu Sollbruchstellen unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts werden können. Das tut er nicht zuletzt mit Witz und einem mitreißenden Erzähltempo. Zelters ganz eigener Humor kommt auch in ‚Hoch oben‘ vor allem in Zeilensprüngen zum Ausdruck. Nicht selten spielt er in den zugehörigen Passagen gezielt mit idiomatischen Phrasen und schafft damit einen ganz eigenen Ton, der ein wenig an Thomas Bernhard erinnert.

Gastautor: Hendrik Schlüter

Gastautor Hendrik Schlüter

Hendrik Schlüter, geboren in Bonn, studierte zeitweise ‚Angewandte Kultur- und Wirtschaftsstudien: deutsch-französisch‘ an der Bergischen Universität Wuppertal. Inzwischen ist er Auszubildender in der Kölner Agnes Buchhandlung. Sein Herz schlägt für Literatur und Zeitung – aber auch für moderne/zeitgenössische Kunst.

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