Ein lyrisch-literarischer Grenzgang – Karosh Taha: Gulistan

Wenige Wochen nach seinem Erscheinen stand dieses Buch bereits auf der Longlist für den deutschen Buchpreis 2026: Karosh Tahas dritter Roman erzählt die traumatische Geschichte von Gulistan. Die kurdische Frau begibt sich in Husseins Irak auf die Suche nach ihrem verschollenen Mann. Dabei opfert sie alles, was sie hat.

Unerwünschter Besuch

Gulistan ist erschüttert. Ihr Ehemann Çiya ist verschwunden. Dieser betreibt eine Schneiderei. Kurz vor seinem Verschwinden wird er dort von Uniformierten konfrontiert. Was der Name des Geschäfts „Gulistan“ zu bedeuten habe, wollen sie wissen. Çiya antwortet, das sei der Name seiner Frau. Und was der Name seiner Frau bedeute? Der beliebte kurdische Mädchenname bedeute so viel wie „Blumengarten“. Der Name stifte Verwirrung, so die Uniformierten. Denn die Namen aller anderen Geschäfte in der Stadt seien klar verständlich. Ob Çiya Verwirrung stiften wolle? Er solle gefälligst den Namen ändern – und sich eine andere Frau suchen.

Wie denn sein Name sei? Çiya – sein eigener Name bringt Gulistans Mann vollständig in Bedrängnis. Auch „Çiya“ ist ein kurdischer Name, bedeutet so viel wie „Berg“. Die Männer in Uniform leisten sich weitere Schikanen. Bevor sie schließlich das Geschäft verlassen, machen sie deutlich, dass sie im Zweifelsfall keine Hemmungen hätten, die gesamte Schneiderei zu verwüsten. Kurz darauf verschwindet Çiya spurlos.

Auf der Suche

Im von Saddam Hussein regierten Irak werden täglich zahlreiche Männer, Frauen und Kinder für vermisst erklärt. Nicht nur deshalb scheint eine Suche hoffnungslos. Doch Gulistan fügt sich nicht. Zunächst begibt sie sich in das örtliche Krankenhaus. Die Männer, die dort die Aufsicht führen, weisen sie barsch ab. Ob Gulistan überhaupt wisse, dass ihr Mann verletzt sei? Stotternd versucht die kurdische Frau, sich Gehör zu verschaffen. Auf der Polizeiwache, die sie im Anschluss aufsucht, wird sie sogar bedroht. Gulistan darf nicht den Fehler begehen, eine offizielle Stelle des Verschwindens von Çiyas zu verdächtigen. Denn als kurdische Minderheit sind sie und ihr Mann wiederkehrenden Diskriminierungen ausgesetzt – und in Gefahr.

Gulistan und Hussein

Gulistan ist entgegen der Norm kinderlos. Sie unterrichtet Kunst an der Universität. Und sie stottert, wobei sich ihr Stottern mit ihrem Gemütszustand verschlechtert.

Bald schon beginnt sie, ihren Mann in anderen Männern in der Öffentlichkeit wiederzuerkennen. Eines Tages ist sie sich sicher, Çiya auf offener Straße in Uniform entdeckt zu haben. Jedoch ähnelt ihr Mann plötzlich Saddam Hussein…

Bereits zuvor scheint Çiyas Name mit dem von Hussein in Konkurrenz zu treten. Denn Gulistan beginnt auf ihrer Suche damit, den Namen ihres Mannes an die Wände der Stadt zu schreiben. Doch steht an zahlreichen Wänden im öffentlichen Raum nahezu ausschließlich Husseins Name, als eine Art Liebesbekundung.

Gulistan begibt sich mit ihrer Suche nach Çiya von Beginn an in Lebensgefahr. Weil Gulistan mit ihren kritischen Fragen nicht nur das Verschwinden ihres Mannes, sondern ein gesamtes System hinterfragt, ist sie Husseins Regime unbequem. So wird sie schließlich inhaftiert – und misshandelt.

Ein lyrischer Text

Die Erzählperspektive des Romans wechselt unter anderem zwischen dem „Ich“ und dem „Du“ als Erzählinstanz. Taha verzichtet nahezu vollständig auf Kommata. Immer wieder gibt es Einschübe auf Kurmancî (Nordkurdisch). Auf den letzten Seiten spaltet sich der Text in zwei durch eine Linie getrennte Ebenen auf.

Mit dem Fortschreiten der Handlung wird der Roman zunehmend undechiffrierbar. Das hängt mit Gulistans mentaler Verfassung zusammen, die merklich unter den Ereignissen leidet. Auch nimmt ihr Stottern zu, was durch Abstände und Leerzeilen in ihrer wörtlichen Rede deutlich wird.

Den Kapiteln vorangestellt sind kurze englischsprachige Passagen, die wie Formgedichte anmuten. Hierbei handelt es sich um O-Töne eines Arztes, eines Vertrauten Husseins. Dieser berichtet unter anderem von Husseins emotionaler Seite. Wenn man dem Diktator eine traurige Geschichte, beispielsweise über eine Frau oder ein Kind, erzählt habe, sei dieser in Tränen ausgebrochen. Das Interview ist unter dem Titel „Saddam Hussein’s Doctor Reveals The Man Behind The Tyrant“ u. a. auf Youtube verfügbar.

Karosh Taha: Gulistan

Bibliographische Daten:

  • Karosh Taha: Gulistan (ISBN: 978-3-7558-0072-9)
  • DuMont Buchverlag, 11. August 2026
  • Gebunden, 24 Euro, 160 Seiten
  • Themen: Irak, Saddam Hussein, kurdische Identität, staatliche Repression, Gewalt
  • Sprache: fragmentiert, assoziativ, variabel, lyrisch
  • Sonstiges: Longlist Deutscher Buchpreis 2026

Einzelne Wörter dieser variabel formatierten Prosa dehnen sich aus und finden wieder zusammen. Die Sprache ist repetitiv und lückenhaft formatiert. In diesen Passagen verzichtet Taha nicht nur auf Satzinterpunktion, sondern auch auf sämtliche Satzschlusszeichen (Punkte und Fragezeichen).

Wenn wir Gulistans Geschichte lesen, werden wir mit einem existenziellen Erzählen konfrontiert. So heißt es: „wenn die Wörter nichts verraten[,] außer[,] dass es diese Frau gegeben hat“. Das Fragmentierte innerhalb dieses Erzählens steht für Widerstände. So zum Beispiel das Stottern Gulistans, das nicht zuletzt von ihrem grausamen Schicksal beeinflusst wird. Die traumatisierte Kurdin weiß irgendwann: „[n]ur mit gerissenen Wörtern [kann sie] diese Geschichte erzählen“.

Karosh Taha ist es mit ihrem Roman nicht nur inhaltlich gelungen, den Verfolgten in Husseins Irak eine Stimme zu geben. Auch sprachlich findet sie in ihrem Buch einen Umgang mit der Gewalt, der Diktatur und all ihren Widersprüchen. Karosh Taha hat ein Buch geschrieben, das heraussticht.

Gastautor: Hendrik Schlüter

Gastautor Hendrik Schlüter

Hendrik Schlüter, geboren in Bonn, studierte zeitweise ‚Angewandte Kultur- und Wirtschaftsstudien: deutsch-französisch‘ an der Bergischen Universität Wuppertal. Inzwischen ist er Auszubildender in der Kölner Agnes Buchhandlung. Sein Herz schlägt für Literatur und Zeitung – aber auch für moderne/zeitgenössische Kunst.

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