Zwischen Ankommen und Ausgangssperre

August 2020, Nantes, 5 Uhr morgens, es regnet in Strömen. Ich befinde mich irgendwo zwischen Autobahn und Industriegebiet. Ich steige gerade aus dem Flixbus und bin dabei, meinem Koffer unter den unzähligen Gepäckstücken herauszufiltern. Noch vor zehn Stunden befand ich mich am Wuppertaler Hauptbahnhof und verabschiedete meine Liebsten. Nach zweistündiger Verspätung des Thalys und verpasstem Anschlusszug, der mich von Paris aus in nur zwei Stunden nach Nantes bringen sollte, bin ich endlich in meiner neuen Heimat angekommen.

Picknick mit Sophie's Mitbewohnerinnen © Sophie Kuhn

Ich muss zugeben, dass ich mir meine Ankunft um Einiges romantischer vorgestellt hatte. Angekommen in meiner neuen WG wartet Elodie schon am Eingang des Wohnhauses auf mich, um mir mit meinem Gepäck zu helfen. Eine junge Französin, die ich bis auf einen kurzen Videocall einige Woche zuvor noch nie gesehen hatte. Es folgt ein kurzer Austausch über die Reise, die ich gerade hinter mich gebracht habe, während wir gemeinsam in die Wohnung gehen. Nach kurzer Betrachtung meines WG-Zimmers schaffe ich es vor Müdigkeit nur noch meinen Schlafanzug aus meinem Koffer zu kramen und falle erschöpft ins Bett.

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Ich reiste zwei Wochen vor Beginn meiner neuen Stelle an, um die Stadt kennenzulernen und von den warmen Tagen zu profitieren. Ich verbrachte jeden Tag im Stadtzentrum, passte mich der Dynamik an und wurde zur passionierten Fahrradfahrerin. Ich lernte nach und nach meine Kollegen kennen, die Freunde meiner Mitbewohnerinnen und schuf mir meinen eigenen kleinen Freundeskreis. Jeden Abend auf dem Weg nach Hause, beim Überqueren der Loire, bot sich mir der wunderschöne Ausblick auf den Sonnenuntergang und mir wurde bewusst, wie unfassbar dankbar ich dafür bin, hier sein zu dürfen.

Loire © Sophie Kuhn

La vie en roses oder doch nicht nicht?

Die Monate schritten voran, ich begann meine neue Arbeit, die mich in alle Ecken der Region führte, entwickelte ein Sozialleben und verbrachte die Wochenenden am Meer in der Bretagne. Mit dem Beginn der Wintermonate erreichten mich auch die ersten Tiefphasen. Ausgangssperre für sechs Wochen. Außerhalb der Arbeit gab es Bewegungseinschränkungen. Nicht weiter als einen Kilometer vom eigenen Zuhause durfte man sich entfernen und dann auch nur mit einem Attest, das sowohl die eigene Adresse bestätigt als auch den Grund für das Verlassen des Wohnhauses. Geschäfte, Restaurants, Bars, das kulturelle Leben, alles, was die Stadt ausmacht und wovon ich von vollen Zügen zu Beginn meiner Ankunft profitierte, befand sich im Winterschlaf. Ich verbrachte die meiste Zeit zu Hause, verließ das Haus am frühen Morgen vor Sonnenaufgang und kehrte am Abend bei Dunkelheit zurück. Ich wollte nicht mehr hier sein. Ich wollte nach Hause. Nach Wuppertal. Ich stellte jegliche Entscheidung, die ich bis dahin getroffen hatte in Frage, buchte meine Tickets für die Winterferien mehr als einen Monat im Voraus und konnte es kaum erwarten, im Zug Richtung Deutschland zu sitzen.

WG-Liebe

Wenn ich allerdings eins in dieser Zeit gelernt habe, dann, dass die beste Medizin gegen Heimweh, Kommunikation ist. Elodie und ich verbrachten unzählige Abende zu zweit, sprachen über unsere Gefühlslage, unterstützen uns gegenseitig und waren füreinander da. Es folgte das Entdecken neuer Hobbies, WG-Parties zu zweit, verkaterter Morgende zu zweit und unzählige Abendessen zu zweit. Und immer wieder war ich erstaunt darüber, wie sehr ein Mensch, den ich erst seit wenigen Monaten kannte, zum Anker in meinem Leben werden konnte. Ich dachte immer, dass ich nicht für das WG-Leben gemacht sei, und entschied mich bei der Suche nach einer Wohnung dennoch dafür, dem Ganzen eine zweite Chance zu geben. Heute könnte ich nicht glücklicher über diese Entscheidung sein. Hier in Nantes ist es vor allem das Leben in der Gemeinschaft, was die Lebensqualität prägt. Man teilt alles, es gibt kein deins oder meins und kommuniziert wird ohne Barriere. Auch erst vor wenigen Tagen wieder überkam mich der starke Drang, nach Deutschland zu fahren. Es ist Mai und ich habe meine Familie und Freunde seit über fünf Monaten nicht gesehen. Die Situation macht es jedoch unmöglich auszureisen, denn Zugtickets gibt es nur wenige und das zu horrenden Preisen. Dazu kommen kostenpflichtige PCR-Tests und Quarantänemaßnahmen. Doch dann nehme ich einfach mein Telefon und rufe meine Liebsten in Deutschland an, verlasse mein Zimmer und finde zwei wunderbare Menschen in meiner Küche vor, die bereits mit selbstgemachten Cookies auf mich warten, um mir von ihrem Tag zu erzählen.

Gastautorin Sophie Kuhn

Sophie Kuhn ist ehemalige Studentin der Bergischen Universität Wuppertal. Nach ihrem Abschluss in den Fächern Anglistik/Amerikanistik und Sozialwissenschaften (Kombi B.A.) und zwei Auslandsaufenthalten in Frankreich und Großbritannien entschied sie sich Anfang des Jahres dazu, nach Frankreich auszuwandern. Sie lebt nun in Nantes und wirbt im Rahmen einer Initiative des Deutsch-Französischen Jugendwerkes (DFJW) an französischen Schulen für die deutsche Sprache und Kultur. In einer Beitragsreiche berichtet sie über ihr Leben im Westen Frankreichs.

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  1. Sonnenschein ❤️😘🍀

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