Anne Frank im Engelsgarten: Berührendes Theater gegen das Vergessen

„Das Tagebuch der Anne Frank“ von Frances Goodrich und Albert Hackett wird seit dem 9. Mai 2026 auf der Bühne des Theaters am Engelsgarten in der Inszenierung von Anne Mulleners in Kooperation mit dem internationalen Figurentheaterfestival FIDENA gespielt. Das Ensemble der Wuppertaler Bühnen trifft hier auf das Puppenspiel von Sara Hasenbrinck, die das Buch durch Elemente des Figurentheaters und Schattens zum Leben erweckt. blickfeld hat es sich angeschaut.

Das Tagebuch der Anne Frank - Foto: Dana Schmidt / Schauspiel Wuppertal

Wenn Otto Frank, gespielt von Alexander Peiler, im Sessel inmitten des mit weißen Tüchern verhangenen Raumes sitzt, wirkt das wie ein Besuch in der Totenwelt. Über zwei Jahre hat er sich hier in diesem Hinterhaus auf nur 50 Quadratmetern mit seiner Familie und noch vier weiteren Personen vor den Nazis versteckt. Niemand außer ihm – weder die Ehefrau Edith noch die beiden Töchter Anne und Margot – überlebt die Konzentrationslager. Den Vater, der lange und vergeblich nach Überlebensspuren von ihnen gesucht hatte, hält in Amsterdam nichts mehr. Doch plötzlich dringt in diesen schweigsamen Raum eine Stimme, als ihm seine frühere Mitarbeiterin Miep Gies ein Buch überreicht. Es ist Annes Tagebuch, das die Familie nach ihrer Verhaftung durch die Gestapo zurückgelassen hatte. Das große rot-weiß karierte Buch höhnt, poltert und bebt, aus ihm spricht – auch über 80 Jahre später – die Stimme eines 13-jährigen Mädchens, das wie kein anderer zu träumen und zu hoffen wusste.

„Als Zuschauer kann man bei den eindringlichen Szenen nicht anders, als mit den Figuren zu lachen, zu trauern und sich zu sorgen“

Evgenia: „Das Stück handelt von tragischen Ereignissen, ist aber in seinem Kern nicht schwermütig. Julia Meier verkörpert eine Anne, wie man sie von dem berühmten schwarz-weißen Portrait her kennt – aufgeweckt und fröhlich, manchmal auch ungestüm und alles andere als gehorsam. Mehr als zwei Jahre auf engstem Raum mitten in der Pubertät, wenn unter normalen Umständen so viele Abenteuer da draußen auf sie gewartet hätten. Die eigenen Eltern und Schwester, das Ehepaar van Daan (Paula Püschel und Lucas Brosch) mit gleichaltrigem Sohn und den ebenso fremden Zahnarzt Dussel (Kevin Wilke) ununterbrochen sehen zu müssen – das war mehr als genug Zündstoff und Bewährungsprobe für Anne, an denen sie sich abarbeiten und wachsen konnte. Im Stück entstehen durch die erzwungene Nähe viele stressige, aber auch lustige Situationen, etwa wenn Anne einen sündhaft teuren Pelzmantel ihrer Mitbewohnerin versehentlich in die Katzenschüssel schleudert oder – ungeachtet der allgemeinen Missbilligung – zielsicher auf ihren ersten Kuss mit Peter van Daan alias Kevin Wilke (in einer Doppelrolle) hinsteuert. Die Figuren der anderen Frauen, gespielt von Julia Wolff, Aline Blum und Paula Püschel, greifen mit ihrer vornehmen Blässe und Dauerwelle optisch die Ästhetik der vom Art déco inspirierten Malerin Tamara de Lempicka auf. Auch mit ihrem Verhalten versuchen sie sich, mit mehr oder weniger Erfolg, ganz in die Gestalt der widerspruchslosen, freundlichen Ehefrau einzufügen. Vor der Enge, in die sie getrieben sind, kann allerdings keine Fassade standhalten. Als Zuschauer kann man bei den eindringlichen Szenen nicht anders, als mit den Figuren zu lachen, zu trauern und sich zu sorgen – bis zum bitteren Ende, wenn donnernde Schritte kommen, um die geheime Tür des Verstecks aufzubrechen.“

„Es ist kaum vorstellbar, was dieses Heranwachsen in ständiger Todesangst bedeutete“

Martin: „Am Ende einer Aufführung wird die Leistung des Ensembles meist mit donnerndem Applaus gewürdigt. Was Julia Meier, Alexander Peiler und die gesamte Besetzung in ‚Das Tagebuch der Anne Frank‘ auf die Bühne bringen, hat diesen Beifall absolut verdient. Und dennoch fühlt er sich im ersten Moment falsch an. Denn nach 761 Tagen im Versteck, die hier in rund anderthalb Stunden Bühnenzeit übergehen, hat Otto Frank alles verloren – alles, bis auf das Tagebuch seiner Tochter. Bei dessen Entstehung im Zustand absoluter Isolation und ohne jede Privatsphäre waren wir gerade noch Zeugen. Es ist kaum vorstellbar, was dieses Heranwachsen in ständiger Todesangst bedeutete. Das Schauspiel Wuppertal zeigt dies mit emotionaler Wucht – von den quälenden Spannungen unter den Bewohnern über die panische Angst vor der Entdeckung bis hin zu den unerwartet leichten, fast amüsanten Momenten. Doch das Ende ist unausweichlich, und es lässt das Publikum fassungslos zurück.“ »mw & ge«

Historischer Hintergrund

Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 entschloss sich die in Frankfurt am Main sesshafte Familie zur Emigration in die Niederlande. In Amsterdam gründete Otto Frank die niederländische Gesellschaft der Firma Opekta – eines Kölner Herstellers von Geliermitteln und pektinhaltigen Produkten – und übernahm deren Leitung. Nach der niederländischen Kapitulation im Mai 1940 errichtete das NS-Regime ein Reichskommissariat mit dem Ziel, die niederländische Bevölkerung ideologisch an Deutschland zu binden. Was darauf folgte, waren Massenverhaftungen, Enteignungen und Deportationen der jüdischen Bevölkerung.

Auf der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 wurde die systematische Organisation und Koordination der „Endlösung der Judenfrage“ festgelegt. Ab dem 3. Mai 1942 mussten jüdische Niederländer:innen einen sechszackigen gelben Davidstern mit dem Wort „Jood“ (niederländisch für „Jude“) in der Mitte tragen. Annes Schwester Margot erhielt Anfang Juli die Vorladung, um zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht zu werden. Am 6. Juli 1942 täuschte die Familie Frank eine Flucht ins Ausland vor, um in dem Hinterhaus des Büro- und Lagergebäudes in der Prinsengracht 263 unterzutauchen.

Am 4. August 1944 wurden die Familie Frank zusammen mit der Familie van Pels und Fritz Pfeffer (von Anne Frank im Tagebuch van Daan und Dussel genannt) von der Gestapo und niederländischen Polizisten entdeckt und verhaftet. Sie hatten sich zu diesem Zeitpunkt genau 761 Tage (etwas mehr als zwei Jahre) in dem Versteck aufgehalten.

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