Millennial Synthesizer trifft Klassik: Martin Kohlstedt in Wuppertal

Er füllte schon Hallen wie die Elbphilharmonie und reist mit seiner Musik um die ganze Welt. Am 25. November machte sich Martin Kohlstedt von seiner Wahlheimat Weimar aus auf den Weg in die Wuppertaler Immanuelskirche und entführte das Publikum im Rahmen seiner Tour mit einem ausverkauften Konzert in ferne Welten.

Martin Kohlstedt verschmilzt mit seiner Musik - Foto: hvn

Klassikrave hinter Kirchenmauern

Neben Gottesdiensten bietet das Kulturzentrum Immanuelskirche in Oberbarmen ausreichend Platz für Kunst aller Art. Ob die Besucher:innen der dreischiffigen Basilika Platz im Erdgeschoss, oder aber auf der Empore nehmen, bleibt ihnen an diesem Abend selbst überlassen.

Besucherin Sabine berichtet von anfänglichen Sorgen: „Ich hatte Angst, dass man hier auf alten Holzbänken sitzen muss.“ Der Gedanke des „typischen Sitzkonzerts“ kam auch bei Paula auf. Von Kohlstedt ist die Designstudentin aber untypische Konzertlocations, wie etwa ein altes Freibad, gewohnt. Sie nimmt es ganz locker: „Ich lasse mich überraschen – ich glaube, bei ihm kann man nur überrascht werden.“ Diese These bestätigt auch Tontechniker Mario: „Es gibt keine Setlist, wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Vom leisen Solo-Piano zur lauten Elektronik kann es alles werden und es wird sich auch die ganze Zeit ändern.“

An dem Ort, wo früher ein Altar stand, werden jetzt Instrumente von Nebel und rotem Licht umhüllt. Im Publikum wird es still. Martin Kohlstedt kommt wortlos auf die Bühne und fängt an zu spielen.

Sowohl ein klassisches Klavier, als auch Synthesizer gehören zu Kohlstedts Repertoire – Foto: bak

„Heute ist ein guter Tag“

Kohlstedt startet den Abend mit dem Rücken zum Publikum gewandt. Der (Film-)Komponist, Pianist und Produzent beginnt mit ruhigen Tönen, die sich zu einem großen Ganzen aufbauen und wie ein Gewitter enden. Erst nachdem er das erste Stück beendet hat, wendet er sich ans Publikum: „Heute ist ein guter Tag. Ich werde euch was zusammen improvisieren.“

Improvisation beschreibt Kohlstedts Musik gut. Klassische Klaviertöne verschmelzen mit elektronischen Komponenten. Mit einem Synthesizer, der immerhin 42 000 Klänge zur Auswahl hat, spielt er sich durch den Abend, ohne dabei an Magie zu verlieren. Dabei versteht er sein Schaffen als eine Art von „modularem Komponieren“. Kein Konzert, kein Lied ist gleich. Kohlstedt sieht seine Musik nicht als Ganzes, sondern als Kreis oder Welle, die sich stetig weiterentwickelt.

Bei seinen Konzerten lässt er auch das Publikum aktiv teilhaben. So fragt er zum Beispiel, ob er an diesem Abend extrovertiert oder introvertiert spielen soll. Als aus dem Publikum ein lautes „extrovertiert“ erklingt, passt er sich diesem Wunsch an. Nicht selten bricht er ein Stück aber auch ab. So auch an diesem Abend. Doch selbst ein solcher Abbruch klingt bei Kohlstedt nicht falsch, sondern gewollt. Man kann ihm quasi auf der Bühne beim Lernen zusehen. Spürbar verschmilzt er dabei mit seiner Musik. Das wird auch an seinen Gesichtszügen und seiner Körperspannung deutlich. Diese wirken am Ende des Abends deutlich lockerer. Nachdem er sich von der Bühne verabschiedet hat, geht er kurz darauf wieder an sein Klavier und spielt ein letztes Mal. Zurück lässt er ein fasziniertes Publikum: „Ich muss das erstmal sacken lassen“, sagt Zuschauerin Paula.

Blick von der Empore auf das Konzert. Kohlstedt spielt gleichzeitig Klavier und Synthesizer – Foto: hvn

„Am Ende werden alle geeint“

David, einer der Gäste, macht auch nach dem Konzert noch ehrfürchtig Fotos. Er lebt in Guatemala und reist momentan durch Deutschland. Für das Konzert von Kohlstedt ist er extra von München nach Wuppertal gekommen. Bereits seit 2016 verfolgt er den Künstler, hat aber an diesem Tag zum ersten Mal die Möglichkeit, seine Musik fernab von Youtube zu hören und ist sichtlich begeistert: „Seine Musik ist magisch. Er löst sich vom Publikum, als wäre er nicht mehr hier. Es war noch besser als erwartet.“

Und auch Martin Kohlstedt selbst ist zufrieden mit dem Konzert und seinem Publikum. Zum Ende des Abends trifft man ihn im Foyer der Immanuelskirche. Er unterschreibt Merchandise und hat ein offenes Ohr für Austausch und Kritik. In Wuppertal hat er sich wohlgefühlt: „Es war warm, es war schön, es war Kontakt da. Ich konnte da einfach nichts falsch machen heute. Ich war geführt von dem, was da war.“

Wer selbst in den Zauber von Martin Kohlstedts Musik kommen möchte, kann ihn am 21. April 2023 in der Kulturkirche in Köln-Nippes sehen. »bak & hvn«

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