Immer ein gewisses Understatement wahren

Donnerstag Abend. Ich sitze in meinem Seminar, sehe aus dem Fenster und bemerke, dass die Nacht über die Bergkuppen ins Tal gewandert ist und nun ist da – statt des üblichen gräulichen Wolkendeckels – eine wohlige Dunkelheit. Wuppertal leuchtet bei Nacht. Hunderte kleiner Lichter strahlen mir nun entgegen und sie zeichnen viel klarer das Bild dieser Stadt.

Wuppertal bei Nacht

Wuppertal bei Nacht

Sie locken mich, die ich doch eben noch mit dem Schlaf habe ringen müssen, beim zigsten Referat, beim hundertsten Versuch PC und Beamer zu verbinden, bei dem, was mein Alltag geworden ist. Jetzt bin ich wach, meine Gedanken durchbrechen, ähnlich wie die klare Nacht, das diesige Grau und ich bekomme unerwarteterweise richtig Lust auf diesen Abend.
Meine Hand gleitet in die Tasche, ich versuche so unauffällig wie möglich und doch so dilettantisch wie all die anderen, mein Handy im Schoß zu bedienen und siehe da, zwei neue Mitteilungen.
Die eine ist von meiner Mutter, egal, jetzt nicht die aufkeimende Euphorie mindern lassen. Da: Alex schreibt. Seine SMS enthält genau ein Wort und es durchzuckt mich, wie ein Schluck eisgekühlten Heinekens bei 0 Grad: ‚BEERBINGO‘.

Die Vergnügungsmeile Wuppertals

Die Vergnügungsmeile Wuppertals

Als ich aus dem Gebäude wanke, noch befangen von den Anstrengungen dieses Unitages, befällt mich noch auf dem Campus erneut der Gedanke, dass Wuppertal bei Nacht ein ganz anderes Gesicht zeigt. Nachts sind alle Katzen grau. Hier, so scheint es mir, ist es genau andersherum.
Es gibt so viele Arten, seine Nacht zu beginnen und so einen ermüdenden Tag zu beenden.
Ich entscheide mich für eine belebende Variante, also nehme ich mir vor, auch zu erwachen, zu neuem Treiben, mein zweites Gesicht zu zeigen. So gönne ich meinen müden Augen einen wunderbaren Ausblick über das nächtliche Wuppertal. Gönne mir eine Zigarette auf dem Dach des Parkhauses. Noch während des Einatmens bin ich erwacht und neugierig schalte ich mein Handy auf Laut. Laut sein. Nach dieser Statusänderung führt mich mein Weg erst einmal nach Hause, den Tag abduschen, dem lockenden wohligen Bett entsagen, mich aufhübschen und in die Nacht fliegen. Jetzt.

Luisencafé

Immer einen Besuch wert: das Luisencafé

Während ich vor dem Rechner klebe läuft mir das Wasser den Nacken herunter. Meine Haare mit einem Handtuch zum Turban gewickelt bin ich ungeduldiger geworden, möchte wieder raus, denke an den Augenblick auf dem Parkhaus und schöpfe neue Energie. Eventticker Wuppertal gebe ich in die Google-Suchleiste ein und harre sklavisch der Ergebnisse.

Der Raum ist erhellt durch mein Notebook und mein ratloses Gesicht unter diesem riesenhaften Kopfschmuck sicher noch kein angemessenes Partystyling, als Markus mir schreibt, ’sie‘ wären heute in der Viertelbar, ich solle vorbeischauen, auf’n bisschen Kickern, auf’n Bierchen. Und noch während ich mich frage, wer denn nun dieses ’sie‘ ist, trappeln meine Gedanken schon einige Schritte weiter: Viertelbar klingt nett, in jedem Fall, doch stellte sich meine Nacht da eben in meinen Gedanken als prätentiösere Tanzveranstaltung mit Cocktails, kleinen Schirmchen, lauter Musik und viel Bewegung dar. Vielleicht sich auf ner Vernissage mit billigem Weißwein besaufen und danach in eine dieser vielen Loungebars stürzen und hinterher irgendwo tanzen. Laut sein.

Loungebars gehen ja mal gar nicht, höre ich mein Gewissen einwerfen. Manche schon. Ein Cocktail wäre nicht verkehrt. Doch da klingelt das Telefon. Anna. Sie war bei ihren Eltern daheim, kommt aber heute Abend schon wieder, um noch ein wenig zu feiern. Vielleicht ins Luisenviertel. Heiner sagte, sie seien im Luisencafé. Mal sehn, brumme ich und überlege, wie ich sie, noch bevor wir das Luisencafé erreichen, noch in die Viertelbar zerren und mit ihr an meiner Seite dieses ‚wir‘ begutachten könnte, von dem Markus schrieb. Womöglich kennen sie sich noch – vielleicht sollte man das Luisenviertel heute zur Gänze umgehen, kommt es mir in den Kopf.

Anna redet weiter, zählt mir ihre Kleidungsstücke und Accessoires in geordneter Folge vom Kopf bis zu den Zehenspitzen auf und ich frage mich, was sie heute wohl wirklich noch vorhat. Im Luisencafé bleiben würde sie jedenfalls nur auf’n Stündchen oder zwei, wie sie sich ausdrückt. Im Luisencafé stehle ich mit Vorliebe die schönen Kleinigkeiten von Gauloises – sie haben dort alles, selbst Salzstreuer im kubischen Design der Corporate Identity. Zeitlos schön und schnell in der Handtasche und morgen früh schon in meinem Haushalt.
Als ich meine Zigarette in der Beute meines letzten Raubzuges ausdrücke, fasse ich den festen Plan, nicht ins Luisenviertel zu wollen und Anna vom Ölberg zu überzeugen. Is‘ ja auch nicht viel weiter und mir wesentlich lieber. In Gedanken verabschiede ich mich von Obst und bunten Schirmchen und freue mich auf einen Bierbart. Nun aber anziehen, mal sehen, ob ich etwas finde, was meinen ungenauen Abendplänen in keinem Falle im Wege stünde. Keine Jeans, aber trotzdem Turnschuhe. Man sollte immer ein gewisses Understatement wahren, murmle ich in mich hinein. Wir sind ja hier nicht in Düsseldorf und is‘ ja Donnerstag.

Als ich wieder kühle Abendluft um mein frisch gepudertes Gesicht wehen spüre, klart es in meinem Kopf ein wenig auf. Chill mal. So führt mich mein erster Weg zu Murat.
Murat ist der heimliche Star Elberfelds. Sein Kiosk ist Partyticker, Bierquelle und Treffpunkt in einem. Bei Murat kann man auf eine Zigarette verweilen, günstig ein Bier für den Weg kaufen oder abwarten, welche Geschichten die nächsten Kunden mit in den kleinen Kiosk bringen. Bis dahin gibt es bunte Tüten, geduldig nach allen Sonderwünschen zusammengestellt, eine feine und beachtliche Musikauswahl und bisweilen nette Unterhaltung.
Im Dunstzustand werde ich, das habe ich mir fest vorgenommen, meine Taschen hier mit all dem kleinen Unsinn füllen, der hier tagsüber Grundschüler in Begeisterungsstürme versetzt.
Ein blinkender Handyschmuck wäre sicher nicht verkehrt – da fällt mir ein …
Drei neue Nachrichten, langsam kommt mein Abend in Fahrt. Die Quintessenz: Caipi WiWi Party. Ich schreibe eine Sammel-Sms zurück, in der ich dezent darauf verweise, dass ich meine Cocktail-Pläne bereits verworfen und zudem noch Begleitung hätte. Dass Anna gar wirklich die Intention haben könnte, mich später noch dorthin ins Pavillon zu schleppen, ich male es mir vorerst nicht aus.

Pino's

Das Pino’s © vs

Was ist eigentlich donnerstags im Ada, frage ich mich. Neulich war’s so schön da, doch war das nicht freitags. Außerdem landet man danach zwangsläufig bei McDonalds, um zumindest noch einen Cheeseburger mitzunehmen. Essen. Gar nicht mal verkehrt. Erstmal auf’n Döner, Anna am Bahnhof abholen und weitersehen. Mit vollem Magen fallen einem die Entscheidungen sicher leichter. Gibt’s eigentlich noch den Imbiss unter der Schwebebahnhaltestelle am Döppersberg? Ist daneben nicht die Bar, wo abends auch schon mal was geboten wird? Die Musik war jedenfalls immer gut. Aber im Sommer ist es schöner, da kann man schon mal ein ganzes Weilchen draußen auf der Terasse verharren, Cocktails schlürfen und über sich hinweg die Schwebebahn rattern hören und sehen, wie sie in Richtung Ohligsmühle davon fährt. Oder einfach unten am Wupperufer sitzen und Leute beobachten. Das hamse ja mal schön ausgebaut, diesen Zugang zur Wupper …

Anna ist da und sie ist schwer beschäftigt, in ihrem kleinen Handtäschchen kramend läuft sie neben mir die Unterführung runter und ich frage mich, wie sie das auf ihren Pfennigabsätzen so mühelos hinbekommt. Suse fragt nach Redlounge morgen, sagt sie von ihrem Handy aufblickend. Nee – sage ich, nach meinem kramend – man muss immer ein gewisses Understatement wahren. Sie schaut mich verwirrt an und ich erkläre ihr, dass mein Bedarf an hohen Hacken nach dem letzten Wochenende vorerst erloschen sei und ich auf Turnschuhen und woanders sicher besser dastünde. Doch noch stehe ich vor dieser Nacht und tappe im Dunkeln, na wenigstens habe ich ja dabei jetzt Gesellschaft. Und auch Alex meldet sich nochmal zu Wort. Zwei neue Mitteilungen, doch gleicher Inhalt: Jackpot heute bei 150 €!!! Ich erwäge kurz, Anna darüber in Kenntnis zu setzen, dass man heute beim Beerbingo einen 150 € Getränkegutschein gewinnen könnte, doch ich verwerfe meinen Gedanken, ihr Mund gibt mir, was in meinem Kopf war, nur wesentlich schneller und dichter:
Bert und Daniel sind im Pinos, Kai und Sandra im beatz und kekse, die aus meiner Lerngruppe wollten später noch ins Sausalitos, Stephan sprach vom Cafe Moritz in Barmen, aber jetzt nach Barmen fahrn, fragt Anna, während eine Schwebebahn gerade über uns hinweg den Weg dorthin nimmt. Na gehen wir erstmal ins Luisencafé – und könn‘ wir auf dem Weg an der Havana Bar vorbei? Lars und Dirk wollten noch in den U-Club … Während sie mich weiter verwirrt, nehme ich einen tiefen Atemzug. Das ist sie, meine Nacht.

Der Artikel wurde in der 2.Ausgabe (Dezember 2009) der “n.n.” – Zeitung des AStA der BU Wuppertal – veröffentlicht.

Gastautorin: Birte Fritsch – »bf«

Foto: Birte Fritsch

Birte Fritsch studiert derzeit Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität. In den letzten Jahren war sie unter anderem Mitglied des Studierendenparlamentes, des Fachschaftsrats des Fachbereichs A, der FSRK und des AStA (als Referentin für Kultur und Shop).

 

 

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