Mit einer überdimensionalen Stoffwolke und der Kraft der Illusion versetzen die Schwestern Claire und Solange, unter der Regie von Jakob Fedler, rund 150 Zuschauer des Theaters am Engelsgarten bei der Inszenierung des Genet’schen Krimis „Die Zofen“ in die Welt jenseits von Traum und Wirklichkeit.

Jean Genet – ein Schriftsteller, der seiner Zeit weit voraus war. Ein Junge, der in verschiedenen Erziehungsheimen aufwuchs, wurde im Erwachsenenalter zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Er hat vieles erlebt und nicht zuletzt das spiegelt er in seinen Werken wider. Er schockierte das damalige Nachkriegspublikum mit Offenheit, der unbekannten Realität und dem Streben nach Umwertungen. Nun wird sein wohl bekanntestes Werk zum ersten Mal in den Räumen des Theaters am Engelsgarten gespielt.

„Ich spiele, also bin ich“

Die Erscheinung der echten „gnädige Frau“
© Uwe Schinkel

„Die Zofen“ (franz. Les Bonnes) wurde 1947 als experimentelles Stück in Frankreich aufgeführt. Die Damenrollen übernahmen drei Männer und diese Tendenz blieb bei vielen weiteren Darstellungen erhalten. Jakob Fedler entschied sich gegen dieses Konzept, um seine Inszenierung von dem vermeintlichen „Travestie-Stil“ zu distanzieren. Vielmehr setzt er bei „den Zofen“ ein Akzent auf die Selbstwahrnehmung eines Individuums, das erst durch das Spiel und der damit verbundenen Verstellung lebendig wird.

Alltagsunzufriedenheit mit Folgen

Das Geschwisterpaar Claire (Lena Vogt) und Solange (Philippine Pachl) sind Dienstmädchen im Hause einer wohlhabenden und schönen „gnädigen Frau“ (Julia Reznik); doch anstatt sich der tristen Realität zu stellen, denken sie sich eine andere Wirklichkeit aus. Sie ziehen sich die Kleider der Herrin an und spielen ein Machtspiel, in dem eine unterwürfige Zofe zunehmend mächtig wird, bis sie schließlich versucht die Herrin umzubringen. Doch zum grausamen Ende kommt es nicht, denn das Spiel wird immer von dem Klingeln des Weckers an der besonderen Stelle unterbrochen.

Faszination Traum

Zwei Welten treffen aufeinander
© Uwe Schinkel

Die Bühne ist grau und leer. Sie ist das Leben zweier Frauen, das genauso farb- und leblos ist wie ihre Kleidung. Im Hintergrund befindet sich in einer schwer erreichbaren Höhe eine farbliche Wolke aus Stoffen – ein bunter Klecks der Freiheit. Die Dienstmädchen benehmen sich vom ersten Moment an seltsam: sie schreien, streicheln sich und bellen wie ein Hund – das tägliche Schablonenspiel hat begonnen. Solange übernimmt die Rolle ihrer Schwester und Claire ist die „gnädige Frau“. Es hat den Anschein, als bliebe jede ihrer Rolle treu: die Dienerin hilft ihrer Herrin bei der Kleiderauswahl und muss den Befehlston über sich ergehen lassen – „Ich liebe sie“, sagt sie unterwürfig. Im Hinterkopf hat sie jedoch längst einen Aufstand geplant und sobald die Erregung der beiden durch das Machtspiel ihren Höhepunkt erreicht, schreit die Zofe heraus: „Wir nehmen Gestalt an!“ und versucht ihrer Herrin den Hals umzudrehen. Ein Wecker ertönt. Das Spiel ist vorbei, denn bald kommt die echte gnädige Frau nach Hause und die beiden kehren in die Realität zurück, oder etwa doch nicht? Als sie aus ihren Rollen treten, zeigen die beiden ihre wahren Gesichter – sie sind in gewisser Weise aufeinander angewiesen und verabscheuen sich jedoch gegenseitig. Es gibt keine Verständigung zwischen den Frauen. Sie hassen sich, weil die beiden dem Elend, das sie sich vorspielen, in Wahrheit nicht entkommen können.

Was ist echt?

Erneut werden die Schwestern ihrem Traum entrissen. Die gnädige Frau kehrt nach Hause zurück und trauert um ihren Mann, der, als Resultat der Intrige beider Dienstmädchen, im Gefängnis sitzt. In Jakob Fedlers Inszenierung betritt die Frau des Hauses nie den Boden. Sie schwebt in einer bunten Stoffwolke über den Schwestern und scheint beinahe surreal zu sein. Sie ist laut, emotional, schreit längere Passagen auf Französisch heraus und bewegt sich theatralisch. Alle drei reden aneinander vorbei, obwohl ihre Rollen klar verteilt sind. Solange, die im gefährlichen Spiel diese Frau mehrmals umbringen wollte, bekommt plötzlich Angst und wird fromm. Ihre Schwester Claire wiederholt ununterbrochen: „Gnädige Frau ist gütig. Gnädige Frau ist schön. Gnädige Frau ist sanft“. Parallel dazu entscheiden die Schwestern für sich, den lang ausgetragenen Mordplan endlich umzusetzen und reichen der Herrin einen vergifteten Lindenblütentee. Sie jedoch eilt davon, um ihren Mann, der plötzlich aus dem Gefängnis entlassen wurde, zu treffen und entkommt somit ihrem Tod.

Das Geschwisterpaar Claire und Solange
© Uwe Schinkel

Spätestens an dieser Stelle fragt sich der Zuschauer, ob es in dieser Geschichte wirklich Zufälle gibt, oder ob die „gnädige Frau“ tatsächlich als immaterielle Vorstellung der beiden nie den Raum betreten hat. Vielmehr scheint es, als wäre ihr Auftritt nur ein weiteres Detail des kranken Spiels der Zofen. Die Herrin ist fort, noch bevor der Tee serviert wurde. Die Geschwister realisieren, dass sie ihrer Idee so nah wie nie zuvor sind. Sie sind allein und werden bis zum Morgen nicht gestört. Der Wecker wird heute Nacht nicht klingeln. Sie spielen das Spiel zu Ende und Claire in Rolle der gnädigen Frau trinkt den Lindenblütentee. Das Spiel ist aus. Es gibt jedoch keine Sieger.

Das Sein durchs Spiel

Jakob Fedler kreiert auf der Bühne des „Theaters am Engelsgarten“ ein Spiel im Spiel. Die Realität ist für das Schwesterpaar nicht auszuhalten. Sie verstehen sich nicht und Claire versucht mehrmals die bunte Wolke ihrer Träume, die über ihrem Kopf schwebt, zu erreichen; fällt aber immer wieder zurück auf die graue und leere Bühne. Dorien Thomsen ist es sehr gut gelungen, das innere Gefängnis der Frauen auf der Bühne bildhaft anhand von Farben darzustellen. Während die Schwestern Weiß, Schwarz und Grau tragen, erscheint die gnädige Dame in einer bunten Kombination aus Gold und Rot. Der kühle, monotone Klang, eine Melodie von Gunda Gottschalk das Spiel begleitet, bekräftigt die Atmosphäre der Ausweglosigkeit. Claire und Solange streben nach Illusion als einzigen Ausweg aus der faden Wirklichkeit. Doch die Frage, ob der Tod die beste Erlösung aus dem inneren Gefängnis ist, bleibt auch diesmal, wie seit fast 70 Jahren, ungelöst im Raum stehen.

Das Stück läuft bis Anfang Februar. Karten sind erhältlich unter www.schauspiel-wuppertal.de oder unter der Telefonnummer 0202/563 7666. Für Studierende der Bergischen Universität Wuppertal, der Kirchlichen Hochschule und der Hochschule für Musik, Standort Wuppertal, gilt die kostenfreie Bühnenflatrate, die frühestens zehn Tage vor der Vorstellung für das gewünschte Stück gebucht werden muss. »xx«

Weitere Informationen zum Stück oder den Wuppertaler Bühnen gibt es unter:

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