Mit Laurent Gaudé wird Mythologie greifbar

Der Vortragssaal in der Bibliothek der Bergischen Universität Wuppertal füllte sich am vergangenen Mittwochnachmittag innerhalb weniger Minuten bis auf den letzten Platz. Die knapp 50 Gäste des „rencontre littéraire“ (zu dt: literarisches Treffen) hatten sich versammelt, um Laurent Gaudé, einem der begehrtesten Autoren Frankreichs zu lauschen. Der Preisträger des Prix Goncourt 2004, des wichtigsten französischen Literaturpreises, begeisterte an diesem Nachmittag das bunt gemischte Publikum mit Tiefgründigkeit und Humor.

Format „rencontre littéraire“ wird immer erfolgreicher an der BUW

Organisiert von den Romanisten Dr. Stephan Nowotnik und Maren Butzheinen, sind die literarischen Treffen mittlerweile ein fester Bestandteil der Bergischen Uni. Nach zahlreichen Gastvorträgen von verschiedenen frankophonen Schriftstellergrößen war es nun Laurent Gaudé, der die Zuhörer unter dem Veranstaltungstitel „Regards croisés: Mythologie, histoire, écriture“ (zu dt.: „Blicke, die sich kreuzen: Mythologie, Geschichte, Literatur“) in die Welt der Mythologie, dem Leitfaden seiner Werke, entführte. Nicht nur Studierende der Romanistik, auch Dozenten und französisch sprechende Interessierte von außerhalb ließen sich fasziniert dorthin mitnehmen.

Sympathisch von Anfang an

Schon zu Beginn gewinnt der gefeierte Autor die ungeteilte Aufmerksamkeit und Sympathie des Publikums, als er seinen Vortrag mit deutschen Worten einleitet. Offen und mit klarer Stimme präsentiert er die Idee und Leidenschaft, die hinter seiner Schreibkunst steckt. Dabei sind Empathie seinen Figuren gegenüber und das Greifbarmachen von Mythologie wichtige Bestandteile. „Es reicht nicht, nur zu erzählen. Der Leser muss teilhaben am Buch“, erklärt er. Genau das Gefühl wird auch in seinem 2006 veröffentlichten Mittelmeerroman Eldorado vermittelt. Dem jungen Sudanesen Soleiman, der sich auf den langen Weg Richtung Europa macht, um Schmerz, Schicksal und Leid in seiner Heimat zu entgehen, stellt Gaudé den italienischen Kommandanten Piracci entgegen. Der Seemann mittleren Alters sucht den Sinn seines Lebens und macht sich dafür in genau die Richtung auf, aus der all die Flüchtlinge, die er bisher auf See vor den Schleppern gerettet hatte, kommen.

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Mythologie und Aktualität verschmelzen zu außergewöhnlichem Leseerlebnis

Begonnen als Dramaturg am Theater und erfolgreich geworden als Romancier zahlreicher Werke, ist Laurent Gaudé vielfacher Preisträger. Den Theaterbühnen hat er bis heute nicht ganz abgeschworen. Im Gegenteil – seine Romane zeugen nicht nur von Dramatik und der Aufbereitung mythologischen Stoffes in gegenwärtigen Kontexten. Er überzeugt vor allem mit Aktualität, mitreißender Spannung und außergewöhnlicher Rhetorik. Gaudé sei ein Akteur und Reisender zwischen den Kulturen, wie Romanistin und Rednerin Maren Butzheinen erklärt. Als Hoffnungsträger werden seine Texte vom Kollegen Nowotnik bezeichnet. Seine Werke werden in bis zu 34 Sprachen übersetzt – deutsch mit eingeschlossen versteht sich. Dabei ist Le soleil des Scortas das wohl bekannteste seiner Bücher. Es wird die Familiengeschichte des süditalienischen Clans Scorta erzählt, dessen Mitglieder im Laufe der Zeit in dubiose Geschäfte verwickelt waren und sich so u.a. auch im Schleppergeschäft wiederfanden.

„La table ronde“ rundet das Ereignis ab

Neben Kurzvorträgen von vier Studentinnen der französischen Literaturwissenschaft war auch die integrierte Lesung aus einem seiner Bücher ein abendliches Highlight von und mit Laurent Gaudé. Den krönenden Abschluss bildete allerdings der traditionelle „table ronde“, der runde Tisch, bei dem alle Anwesenden ihre Fragen an den Preisträger loswerden konnten.
Auch bei der anschließenden Autogrammstunde berührte der Schriftsteller sein Auditorium mit Enthusiasmus und Gelassenheit.
„Nicht umsonst ist Französisch die Sprache der Literatur“, resümiert einer der begeisterten Zuhörer. »lyh«

Titelbild: „Rencontres littéraires“ in der Universitätsbibliothek (v.l.n.r.): Prof. Dr. Michael Scheffel, Prorektor für Forschung, Drittmittel und Graduiertenförderung, Dr. Stephan Nowotnick, Laurent Gaudé, Prof. Dr. Andreas Frommer, Prorektor für Studium und Lehre, sowie Prof. Dr. Matei Chihaia, Prodekan der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften. (Foto: Katja Bischof)

Informationen zum Autor und weiteren „rencontre littéraire“ gibt es unter:

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