Grün – die neue Trendfarbe?

Greta Thunberg ist in den USA angekommen und inspiriert nicht nur junge Menschen, sich aktiv für den Klimaschutz einzusetzen. Ein Trend in diese Richtung war auch bei der Europawahl zu erkennen. Mit 20,5% und sogar 29% bei den unter 30-Jährigen waren die Grünen die zweitstärkste Partei. In Wuppertal sind sie sogar die stärkste Kraft geworden. Bedeutet dies, dass es ein neues Umweltbewusstsein gibt? Wie grün ist Deutschland wirklich? Um Antworten zu finden, habe ich mich mit jemandem getroffen, der sich selbst für den aktiven Kampf gegen den Klimawandel entschieden hat. Wir haben uns über ihre Geschichte, die Verantwortung der Politik und Gemüse unterhalten.

Das Gespräch führte blickfeld-Redakteurin Andrea Trieflinger »at«
Titelfoto: Ginny © mw

Am nächsten Tag mit auf der Straße bei „Fridays for Future“

An einem Donnerstagabend, Anfang März, saß Ginny vor dem Fernseher und sah einen Bericht über „Fridays for Future“. Da sie sich auf Anhieb gut mit den Zielen und Werten der Bewegung identifizieren kann, wollte sie schon am nächsten Tag mitprotestieren. Mit Ernüchterung musste Ginny aber feststellen, dass die nächste „Fridays for Future“-Demonstration in Wuppertal gar nicht an einem Freitag stattfinden sollte. Deshalb suchte sie nach einer anderen Möglichkeit, sofort mitzumachen und landete in Düsseldorf. Innerhalb kurzer Zeit wurde sie zu einer der sechs Ortsgruppendelegierten gewählt. Wöchentlich nehmen die Delegierten an bundesweiten Telefongesprächen teil, um die überregionale Arbeit der Bewegung zu organisieren. Auf die Frage, was ihre Motivation für dieses Engagement ist, antwortet sie ganz simpel: „Ich will nicht sterben.“ Ressourcen gäbe es genug, wenige hätten aber einfach zu viel. Die Regierung müsse mehr dagegen machen, aber ein Umdenken in der Bevölkerung sei ebenfalls notwendig. Veränderungen würden langsam sichtbar, „was schön ist, aber es müsste schneller gehen.“

Die Frage nach den Grünen

In diesem Sinne spricht Ginny immer wieder von der Verantwortung der Politik. Dabei habe ich sie nach ihrer Meinung zum Wahlerfolg der Grünen und einem grünen Deutschland gefragt. Laut ihr spreche das Ergebnis schon dafür, dass sich mehr Menschen Gedanken machen und dies sei gut. Auch die Idee eines grünen Deutschlands gefällt ihr, kann für Ginny aber nicht nur von einer Partei abhängig sein. Ein klimagerechtes Leben hat für sie nichts mit einer politischen Gesinnung zu tun. Deshalb engagiert sich Ginny auch bei „Fridays for Future“ als nicht parteigebundene Bewegung. „Ohne Planeten gibt es keine Parteien mehr. Generell sollte für alle der Erhalt des Lebens an erster Stelle stehen.“ Aus diesem Grund müsse auch die gesamte Politik reagieren. „Für Straßen interessiert sich jede Partei, da Menschen ein Recht auf eine Anbindung zum nächsten Arzt oder zum nächsten Lebensmittelladen haben. Genauso sollten Menschen ein Recht auf ein klimagerechtes Leben zugestanden werden.“ Ein gutes Beispiel sei die Verpackung von Gemüse. Brokkoli muss nicht eingeschweißt sein. Konsumenten haben aber oft keine Wahl. Außerdem müsse ein klimagerechtes Leben für alle bezahlbar sein: „Dabei ist die Politik in der Pflicht und das kann nicht nur eine Partei leisten.“

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Klimaschutz ist ein emotionales Thema

Ortsgruppendelegierte ist Ginny nicht mehr, da ihr Engagement in der Bewegung für sie zu einem Vollzeitjob wurde, was zu viel war. Zum Teil lag es auch daran, dass Klimaschutz für sie ein emotionales Thema ist, an dem sie sich aufreiben kann. Neben der katastrophalen Lage in manchen Gebieten, momentan im Amazonas, hadert sie mit dem Unverständnis von vielen Menschen. Sie erzählt mir unter anderem, wie sie als Sprecherin für „Fridays for Future“ an einem Bankett einer Bankengruppe teilgenommen hat. Ein Teilnehmer habe dabei zu ihr gesagt, dass sie nicht immer so dramatisch sein soll. Dramatisch seien sie aber nur, weil die Lage der Welt dramatisch ist. „Es gibt Teile der Erde, die an Szenen aus Mad Max erinnern und Klimaflüchtlinge, die ihre Heimat verloren haben. Da kann ich nicht wegsehen“, macht sie deutlich.

Ein Appell für mehr Umweltbewusstsein …

Ginnys Rücktritt als Delegierte bedeutet aber nicht, dass „Fridays for Future“ schlecht sei oder dass sie ihre Ideale aufgegeben habe. Das Gegenteil ist der Fall: Sie versucht selbst ein Vorbild zu sein und andere Menschen zum Umdenken zu inspirieren. Viele Dinge, die in unserer Gesellschaft normal geworden sind, wie Fernreisen, Lebensmittel aus weit entfernten Erdteilen oder jeden Tag Fleisch, sollen wieder „als der Luxus wahrgenommen werden, der sie sind.“ Immer wieder betont Ginny, wie wichtig es sei, ein Bewusstsein für die Ressourcen unserer Erde zu entwickeln: „Es reicht, wenn jeder ein bisschen macht und kleine Gewohnheiten ändert. Statt dem Flugzeug kann bei vielen Reisen auch bequem die Bahn genutzt werden. Es muss auch nicht immer neue Kleidung sein, die um die halbe Welt gereist ist und Unmengen an Wasser verbraucht hat.“ Umweltbewusstsein werde immer mehr zum Trend, in diesem Sinne wachse auch das Angebot an Secondhandshops und alternativen Läden, in denen Obst und Gemüse nicht perfekt sein muss. Dieses Angebot solle man nutzen.

Wer ins Grüne will, ist in Wuppertal gut aufgehoben – zum Beispiel im Deweerthscher Garten im Herzen Elberfeld © mw

… aber auch für sinnvollen Verzicht

Für Ginny ist klar, dass ein klimagerechtes Leben für jeden möglich sein muss und nicht nur aus Verboten besteht. Das werde auch bei dem oft diskutierten Thema Plastik deutlich. Im medizinischen Bereich, zum Beispiel bei Impfungen, sieht sie den Einsatz von Einwegplastik-Gegenständen als notwendig an. Anders sieht das mit Plastikstrohhalmen aus. Eine ähnliche Meinung hat Ginny auch zum Autofahren. Sie selbst hat keinen Führerschein und ist für den Ausbau des Nahverkehrs. Sie kann es aber auch verstehen, wenn Menschen auf ein Auto angewiesen sind, besonders in ländlichen Regionen. Car-Sharing hält sie deshalb für eine Verkehrsvariante, die mehr gefördert werden solle. Ihr ist nur wichtig, dass Menschen darüber nachdenken, was sie wirklich brauchen.

Ein wirklich grünes Deutschland

Zum Schluss habe ich eine Frage gestellt, die Ginny schon oft gehört hat: „Wie stellst du dir ein grünes Deutschland vor?“ Im Kern gäbe sie immer dieselbe Antwort: „Jeder soll wissen, was klimagerecht bedeutet. Außerdem soll es für die Regierung und die Wirtschaft selbstverständlich sein, Möglichkeiten zu schaffen, damit jeder klimagerecht leben kann.“ Das bedeutet aus ihrer Sicht, dass es weniger Autos gibt, weil der Nahverkehr verbessert wird. „Ein besseres Bahnnetz, genau wie eine CO2-Steuer, können dazu führen, dass weniger geflogen wird.“ Wie schon betont: „Jeder soll sich ein klimagerechtes Leben leisten können. Luxus soll nur wieder Luxus werden. In diesem Sinne sollten wir auch unsere Natur wieder schätzen lernen und unser direktes Umfeld genießen, statt Fernreisen zu unternehmen. Mehr vegane Restaurants sind natürlich auch wichtig.“ »at«

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