Lehramt oder Taxistand – was kann ich als Geistes- und Kulturwissenschaftler/-in werden?

Gastartikel von Senta Winterberg

„Wenn man Germanistik (oder Anglistik, Geschichte etc.) studiert, kann man nur Lehrer/-in werden … okay, und noch Taxifahrer/-in!“ Zugegeben, der Witz hat einen ganz schön langen Bart. Gleichzeitig steckt in jedem Klischee ein Fünkchen Wahrheit, oder?
Schauen wir uns die Fakten an.

Als Geistes- und Kulturwissenschaftler/-in geht man ins Lehramt – oder wohin?

Anders als im Medizin- oder Jurastudium steuert man als Student/-in einer Geistes- und Kulturwissenschaft kein festgelegtes Berufsziel an – außer man studiert auf Lehramt. Nun sind aber nicht nur prominente Geistes- und Kulturwissenschaftler/-innen wie Thomas Gottschalk, Dieter Nuhr und Anne Will weder in der Schule noch am Taxistand gelandet. Auch die Karrierewege der Referent/-innen, die bei den Jobtalks des Praxisforums der Fakultät 1 von ihrem Beruf berichten, machen deutlich: Es gibt vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten, so z. B. als Lektor/-in, Radiomoderator/-in und Kommunikationstrainer/-in, aber auch als Studienberater/-in oder Personalrecruiter/-in.

Kein festgelegtes Berufsziel: Chancen & Unsicherheiten

Das hört sich generell vielversprechend an – trotzdem bekommen viele Studierende geistes- und kulturwissenschaftlicher Fächer insbesondere gegen Ende des Studiums ein mulmiges Gefühl. Denn in der Praxis gibt es kaum Stellenausschreibungen, in denen z. B. explizit nach Germanist/-innen, Anglist/-innen oder Historiker/-innen gesucht wird; stattdessen sollen Content Creator/-innen, Social Media Manager/-innen oder Referent/-innen eingestellt werden. Liest man die Stellenanzeige jedoch genauer, wird man feststellen, dass viele Unternehmen sich für Bewerber/-innen mit Kompetenzen interessieren, die man speziell in einem geistes- und kulturwissenschaftlichen Studium aufbaut. Dazu zählen beispielsweise Schreib- und Textkompetenz, Organisationsfähigkeit und analytische Fähigkeiten. Es lohnt sich also, seine Kompetenzen selbstbewusst zu reflektieren und sich genauso selbstbewusst auf diese Stellen zu bewerben.

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Aber reicht nun lediglich eine (gut gemachte) Bewerbung? Wie kann man zuverlässig im gewünschten Berufsfeld einsteigen? Im ersten Schritt sollte man sich über sein berufliches Ziel klar werden und im zweiten Schritt an der Qualifizierung für eben dieses Ziel arbeiten.

Selbstreflexion – was will ich wirklich?

Über Selbstreflexion, Gespräche mit Familie, Freund/-innen und Berufs-/Studienberater/-innen kann man das berufliche Ziel eingrenzen. Helfen können dabei folgende Leitfragen:

  • Welche Aufgaben machen mir Spaß?
  • Wo liegen meine Stärken und Schwächen?
  • Für welche Themen und Branchen schlägt mein Herz?

Neben der theoretischen Beschäftigung mit der beruflichen Zukunft ist aber eins noch wichtiger: Ausprobieren!

Praktika, Werkstudententätigkeit, freie Mitarbeit, Ehrenamt, Jobben – Versuch macht klug

Eine Radiosendung zu moderieren hört sich auf den ersten Blick spannend an. Aber wie fühlt es sich an, vier Stunden am Stück in ein Mikro zu sprechen und dabei noch Dutzende von Knöpfen zu bedienen? Theorie kann praktische Erfahrung nicht ersetzen, wobei es zu Beginn kein mehrmonatiges (oft leider unbezahltes) Praktikum sein muss. Auch kurze Hospitationen, Nebenjobs und ehrenamtliche Tätigkeiten schaffen Klarheit und bauen Berufserfahrung auf. Wer neben dem Studium z. B. beim Bäcker oder im Einzelhandel arbeitet, stellt schnell fest, ob er gerne mit Menschen zusammenarbeitet. Einfach in verschiedene Bereiche hineinschnuppern!

Networking – Ein Netzwerk aufbauen

Über Praktika, Nebenjobs, Ehrenamt und andere Tätigkeiten lernt man unterschiedliche Menschen kennen – Kolleg/-innen, Personaler/-innen, potenzielle Chef/-innen. Dadurch baut man automatisch ein Netzwerk auf, das man u.a. auch digital über XING pflegen kann. Networking zahlt sich oft aus, denn manchmal kennt jemand jemanden, bei dem gerade eine Stelle frei wird …

Ob Verlag, Zeitung oder PR – wenn das Traumberufsfeld einmal feststeht, kann man die nächsten Schritte auf dem Karriereweg verfolgen. Und zwar mithilfe der passenden Qualifizierung. Dazu gehören fachliche sowie außerfachliche Kompetenzen.

Geisteswissenschaftliches Fachwissen – mehr als eine Büchereule

Im Rahmen des Studiums kann man spezielles Fachwissen aufbauen, indem man Seminare wählt, die zum Berufswunsch passen. Bei Interesse an der Film- und Fernsehbranche sind das etwa Veranstaltungen zur Filmanalyse. Diese fachlichen Schwerpunkte sollten dann auf jeden Fall im Lebenslauf angegeben werden.

Berufsrelevante Kompetenzen ausbauen

Viele Arbeitgeber/-innen wünschen sich Kenntnisse, die man bei einem geistes- und kulturwissenschaftlichen Studium nicht automatisch mitbringt (übrigens auch nicht in z. B. einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium!). Dazu zählen bspw. bestimmte Fremdsprachenkenntnisse (auch Business English) oder Computerkenntnisse (SPSS, SAP, Content-Management, Grafikprogramme). Diese können im Rahmen des Optionalbereichs aufgebaut werden.

Kein Lehramt? Selbst aktiv werden!

Für Absolvierende von Geistes- und Kulturwissenschaften bestehen abseits des Lehramts vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten. Das Geheimrezept für einen erfolgreichen Berufseinstieg und -weg lautet dabei: Selbst aktiv werden! Über Praktika, Werkstudententätigkeiten, Workshops und Seminare kann man sich für bzw. auf bestimmte Berufsfelder qualifizieren, spezialisieren und Fähigkeiten professionalisieren. Die meist kostenlosen Angebote der Bergischen Universität Wuppertal sollten dabei unbedingt genutzt werden. Dazu zählen auch die Veranstaltungen vom Praxisforum der Fakultät 1, bei denen man Kontakte zu Unternehmen und Firmen knüpfen kann. »winterberg«

Über unsere Gastautorin Senta Winterberg

Senta Winterberg wurde 1987 geboren und hat in Düsseldorf und Wuppertal Germanistik und Kommunikations- und Medienwissenschaft studiert. Während des Studiums absolvierte sie verschiedene Praktika, u.a. in der Öffentlichkeitsarbeit. Sie hat drei Jahre im Marketing gearbeitet und leitet seit 2018 das Praxisforum der Fakultät 1. (E-Mail: praxisforum1@uni-wuppertal.de)

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